Industrie 4.0
13.05.2019

Eine Allianz für Industrie 4.0

Auf der Hannover Messe 2019 haben sieben führende Unternehmen aus Maschinenbau, Industrieautomatisierung und Software die Gründung der Open Industry 4.0 Alliance angekündigt. Mit dieser Kooperation sollen proprietäre Insellösungen überwunden und der digitalen Transformation den entscheidenden Schub gegeben werden. Die Redaktion sprach mit Hans-Jürgen Hilscher, Geschäftsführer von Hilscher und einer der Gründer der neuen Allianz.

Auf einer Pressekonferenz während der Hannover Messe informierten die Gründungsmitglieder über Einzelheiten zur Open Industry 4.0 ­Alliance (Bild: VDE VERLAG)

Ob in der Fertigungsfabrik, im Logistikzentrum, in der Prozessanlage, ob im Mittelstand oder im Großunternehmen – überall zeichnet sich dasselbe Bild ab: Wenn es um Konnektivität, ­Datenmanagement, IT-Sicherheit und Kollaboration geht, kommen unterschiedliche Geräte, Systeme und Lösungen mit proprietären und verschiedenen Schnittstellen und Kommunikationsinfrastrukturen von verschiedenen Herstellern zum Einsatz. Das schafft Zusatzaufwand und behindert die schnelle und flächendeckende Skalierung der Industrie 4.0.

„Die Automatisierungsfirmen Beckhoff und Hilscher brachten ihre Erfahrungen aus den Feldbus-Nutzergruppen in die Gründungsgespräche ein“, berichtet Hans-Jürgen Hilscher (Bild, Quelle: Hilscher), Geschäftsführer von Hilscher. „Das Unternehmen Hilscher ist seit 30 Jahren auf dem Feldbusmarkt tätig und wir haben die ­Zeiten hinter uns gelassen, in denen alle Big Player ihre eigenen Lösungen entwickelt haben, über die behauptet wurde, sie sei die jeweils Beste. Dies brachte uns dazu, uns mit dieser Vielfalt zu befassen.“ Eine ähnliche Situation befürchtet er in der Industrie-4.0-Arena mit vielen verschiedenen Cloudplattformen.

Reinhold Stammeier, Chief Digital Officer bei Kuka, betont: „Es gibt viele Insellösungen am Markt, jedoch fordern die Kunden die durchgängige Vernetzung auf dem Shopfloor und eine ­sichere Verbindung von der Maschine bis zur Cloud. Sie fordern mehr als eine technische Lösung – ein gemeinsames Vorgehen bei semantischen Datenmodellen und Datenaustausch zwischen Betreibern und Herstellern bringt erst den weiteren Mehrwert.“

Vision von Industrie 4.0 umsetzen

Zu den Gründungsmitgliedern der Open Industry 4.0 (OI4) ­Alliance gehören die Unternehmen Beckhoff, Endress+Hauser, Hilscher, IFM, Kuka, Multivac und SAP. „Wir als Anbieter von IoT-Technologie und -Dienstleistungen schließen uns der Open Industry 4.0 Alliance an, um die Vision von Industrie 4.0 in die Tat umzusetzen“, unterstreicht H.-J. Hilscher. Für ihn war schnell klar, dass sich das Unternehmen in ein solches Bündnis erfolgreich einbringen kann. Eine wichtige Grundlage bildet dabei die Hilscher-Technologieplattform „netFIELD“ für das Device Management und der Konnektivität zur Feldebene. Diese besteht im Wesentlichen aus einem Chip-Set für das ­IO-Link-Master-Gateway mit OPC-UA-Server gemäß IO-Link-Companion-Profile, der Edge-Computing-Plattform basierend auf einem Docker Framework, sowie aus dem Edge-Portal zum Gerätemanagement. Dazu gehört noch ein durchgängiges Security-Konzept. Dies entspricht der technischen Grundarchitektur der Open Industry 4.0 Alliance und wird auf dessen Funktionsschnittstellen angepasst. Damit werden die Komponenten der „netFIELD“-Technologie-Plattform Bestandteil des ­offenen Open-Industry-4.0-Ökosystems und reduziert Kosten, vereinfacht Handhabung und verbindet Sensorik und Feldgeräte mit ihrem digitalen Zwilling gemäß Industrie 4.0 und das herstellerübergreifend.

Die Gründungsmitglieder betonen, dass die Allianz grundsätzlich allen Unternehmen offenstehe. So seien beispielsweise auch Balluff, Gebhardt, Pepperl+Fuchs, Schmidtsche Schack, Samson oder Wika als Mitglieder der Allianz beigetreten. Sie alle verpflichten sich gegenseitig zur Schaffung eines standardisierten und offenen Ökosystems zum Betrieb hochautomatisierter Fabriken und verfahrenstechnischer Anlagen unter Einbindung von Logistik und Services.

Die Gründer und Mitglieder der Open Industry 4.0 Alliance ­haben das Ziel, ein offenes, standardbasiertes und kompatibles Angebot für die Gesamtstrecke vom Objekt in der Werkhalle bis zum Service zu schaffen, wobei alle Mitglieder weiterhin ihr eigenes Business darauf basierend betreiben.

Anbieter und Betreiber in einem Ökosystem

„Die Open Industry 4.0 Alliance bringt alle Anbieter zusammen und nicht nur die Anbieter, sondern auch die Betreiber, um ein Ökosystem einzurichten, das all ihre Expertise sehr einfach zusammenführt, um das gesamte System reibungslos zum Laufen zu bringen“, stellt der Hilscher-Geschäftsführer heraus. „Darüber hinaus etablieren wir einen gemeinsamen Ort für alle semantischen Modelle der Assets, um die Daten aus der Fertigung in Informationen umzuwandeln und neue Geschäftsmodelle zu generieren. Dies ist die Grundlage für ein hersteller­übergreifendes Industrie-4.0-Szenario, das funktioniert.“

Anwender werden die Auswahl haben, sich aus einem Baukasten modularer, kompatibler und skalierbarer Lösungs- und Dienstleistungskomponenten das passende Angebot zusammenzustellen. Dieser Baukasten basiert auf den Kernkompetenzen der Gründer und Mitglieder der Allianz und stellt in der Summe die risikoarme, herstellerneutrale Option von existierenden und bekannten Zulieferern der diskreten und verfahrenstechnischen Industrien dar. „Unsere Kunden wollen die Versprechungen von Industrie 4.0 in die Tat umsetzen. Dazu dürfen unsere Kunden von uns einen offenen Ansatz erwarten. So müssen – zum Beispiel – unsere Lösungen mehrere vorhandene Standards bei der Feldbustechnologie verarbeiten können“, ergänzt H.-J. Hilscher.

Die Frage, die sich dabei laut dem Geschäftsführer stellte: Wie können solche Konzepte und Ideen zum Erfolg geführt werden? Schnell waren sich dabei die Ideengeber einig, dass für die Organisation die Feldbusorganisation als Modell dienen sollte. „Ein eingetragener Verein nach Schweizer Recht wurde als ideale Lösung für die Organisationsform evaluiert“, weiß H.-J. Hilscher. Die Vereinsgründung ist bis Ende Juni 2019 ­geplant.

Open Industry 4.0 Alliance Framework für die ­gesamte Wertschöpfungskette

Auf Basis existierender Standardschnittstellen und -architekturen, wie IO-Link, OPC UA und RAMI, soll ein sogenanntes Open-Industry-4.0-Alliance-Ökosystem für die gesamte Wert­schöpfungskette entstehen. Dabei besteht das offene, standardbasierte Angebot der Alliance-Mitglieder aus den vier Bausteinen Device Connectivity, Edge, Operator Cloud und Cloud Central plus einem zugehörigen Dienstleistungsangebot. Device Connectivity stellt die Verbindung zu den Maschinen und Sensoren her. Die Edge ist der zentrale Knoten für alle wichtigen und lokal notwendigen Funktionen in der Fabrik. Die Operator Cloud ist der zentrale Knoten im Unternehmen des Kunden. Auch diese Operator Cloud soll einen offenen Layer zur Integration unternehmenszentrischen Funktionen und ­Applikationen enthalten. „In Richtung Cloud werden wir komplett ­offen sein“, stellt H.-J. Hilscher klar. Er setzt auf die Azur-IoT-Technologie von Microsoft und SAP bringt sein Asset Intelligent Network in das Ökosystem ein. Diese beiden Softwarefirmen kündigten bereits auf dem diesjährigen Mobile World Congress in Barcelona weitreichende Zusammenarbeit im Bereich IoT an. Cloud Central schließlich ermöglicht den ­bidirektionalen Austausch von Daten, insbesondere Stamm­daten, aber auch Messdaten aus dem Prozess und Infor­mationen, zum Beispiel technische Dokumentationen oder ­Reparaturanleitungen, über Unternehmensgrenzen hinweg. „Die Grundarchitektur ist bereits zu 100 % geklärt und im Techni­cal Whitepaper der neuen Allianz dargestellt. Wir konnten Ideen aus unserem Edge Portals mit einbringen“ freut sich ­H.-J. Hilscher.

Mehrwert für Kunden im Fokus

Die ersten Proof-of-Concepts wurden bereits im letzten Jahr abgeschlossen, etwa bei Kuka im Dezember 2018 mit der wandlungsfähigen und flexiblen Matrix-Produktion. Dabei wurde insbesondere die Anbindung von fünf OPC-UA-Kuka-Robotern mit AGV und Sensoren von vier Herstellern und der Edge-Technologie von Kuka/Device Insight an eine Operator-Cloud inklusive einem zentralen Asset Repository (dem Asset Intelligence Network) von SAP demonstriert. Weitere Proof-of-Concepts von Mitgliedern und ihren Kunden werden für den Sommer 2019 angestrebt. Die Gründungsmitglieder bereiten eine erste Leistungsschau für die zweite Hälfte des Jahres 2019 vor.

Weitere nächste Schritte sind die breite Mitgliederwerbung. Für neue Mitglieder gibt es dabei de facto keine Hürden. „Unter anderem aus der Kundschaft der bisherigen Mitglieder soll das Ökosystem der neuen Allianz entstehen“, ist H.-J. Hilscher überzeugt. Auf dem Lenkungsmeeting am 11. April wurden weitere Schritte konkretisiert. „Wir haben nicht geplant, komplexe und lange Paper zu schreiben, sondern wollen vor allem den Mehrwert für den Kunden im Auge behalten und Lösungen aufzeigen“, betont H.-J. Hilscher.

www.openindustry4.com

   

 

 

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