Data for New Business Models
12.11.2014

Smart X – was bedeutet das für den Menschen?

Alles wird smart, alles wird vernetzt und die Automatisierung gewinnt an Bedeutung. Welchen Einfluss hat dies auf die Beschäftigten? Eine Experten­runde nahm sich dieser Problematik auf dem 15. Kongress Automation an und diskutierte über die Auswirkungen zunehmender Automation auf die ­Beschäftigten und die neuen Anforderungen an die Arbeitswelt.

Expertenrunde diskutierte die Auswirkungen von Smart X auf den Menschen

Unter dem Motto „Smart X – Powered by Automation" diskutierten in Baden-Baden Anfang Juli Experten der Mess- und Automatisierungstechnik unter anderem Entwicklungen zur Industrie 4.0. Im Rahmen des zweitägigen Kongresses beschäftigte sich eine Podiums­dis­kus­sion mit den Anforderungen an den Menschen. „Gefragt werden muss, inwieweit mit den Veränderungsdynamiken in der Technologie auch Veränderungen in der Qualifikation und in der Kompetenzentwicklung einhergehen", betont Dr. Cons­tanze Kurz, Leiterin des Ressorts Zukunft der Arbeit im Vorstand IG Metall, Frankfurt/M.

Die Arbeitsinhalte werden komplexer und interdisziplinärer und es wird mehr dezentrale Selbst­orga­ni­sa­tion und Selbststeuerung geben müssen, über die nicht nur aus technischer Sicht diskutiert werden muss. Die Diskussion darüber, was die aktuelle technische Entwicklung für die Arbeitsabläufe und die Qualifizierung bedeute, ist wichtig. Sehr früh muss die Frage nach der Neudefinition der ­Rolle des Menschen in einem komplexen technologischen Wandlungsprozess gestellt werden. „Von den Mitarbeitern wird ein höheres Verständnis für die Vernetzung und die übergeordneten Prozesse gefordert", stellt Dr.-Ing. Wilhelm Otten, Head of Business Line Technical Services bei der Evonik Industries AG in Darmstadt, heraus. „Zwischen den Arbeitsausführenden vor Ort und den Experten für die Prozesse gibt es eine klare Rollentrennung."

Dr.-Ing. Kurt D. Bettenhausen (Bild), Vorsitzender der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA), sieht zwei weitere Elemente als wesentlich an, die durch eine Mitgliederbefragung gestützt würden: „Nr. 1: Die smarten Technologien sind Vielen schon aus dem privaten Bereich bekannt". Auch schon die Jüngsten, die dahinterste­hende Prozesse noch gar nicht verstünden, gingen souverän mit innovativer Technologie um. Als zweiten wichtigen Punkt nennt er den schon zu einem sehr frühen Entwicklungszeitpunkt geführten Dia­log – gerade auch in den Lehrstühlen: „Was wird die Entwicklung für die Zukunft bedeuten?" Dies würde deutlich früher diskutiert als bei anderen Technologien. Für Prof. Dr.-Ing. habil. Jürgen ­Beyerer, Institutsleiter Fraunhofer IOSB und Leiter des Lehrstuhls für interaktive Echtzeitsysteme (IES), Karlsruher Institut für Technologie (KIT), bietet die aktuelle Entwicklung daher vor allem Chancen: „Der Mensch muss nicht ‚smart‘ werden, er ist es bereits und war es schon. Im Zusammenhang mit Industrie 4.0 hat er sehr viel mehr die Chance, seine intuitiven Fähigkeiten einzubringen." Es können höher qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen werden, bei denen der Mensch seine nativen Fähigkeiten einbringen kann.

Welche Folgen hat die zunehmende Informationsflut? „Wie wir alle wissen, bringt die reine Erzeugung von Daten keinen Mehrwert. Der wichtige Punkt wird sein, wie die Daten aufbereitet werden. Ein Stichwort dazu heißt Big Data, obwohl es aus meiner Sicht mit Smart ­Data treffender beschrieben wäre", betont Dr. K. D. Bettenhausen. Vernünftiges Strukturieren der Daten sei gefragt; für jede Aufgabe müssten die jeweils passenden Daten verfügbar sein.

Ethische Aspekte

Nun sammelt Big Data nicht nur Daten über Produkte und Produktionsverfahren, sondern auch Informationen über Personen und deren Verhalten. Welche ethische Bedeutung ist dem beizumessen? „Es geht nicht nur um technische Machbarkeit, sondern auch darum, was es für den Menschen und unser Menschenbild in der Gesellschaft bedeutet", entgegnet dazu Prof. Dr. theol. Dr. soc. phil. habil. Elmar Nass, der am Department Ethik und Philosophie der Wilhelm Löhe Hochschule eine Professur Wirtschafts- und Sozialethik innehat: „In der Literatur wird immer wieder beteuert, dass die Würde des Menschen, seine Autonomie und Privatheit nicht angetastet wird. Doch was bedeutet es, wenn allein die Technik entscheidet, ob und welcher Automatismus wann in Gang gebracht wird?" Einerseits biete dies laut Prof. Dr. med. Dr.-Ing. Steffen Leonhardt (Bild)vom Philips-Lehrstuhl für medizinische Informationstechnik am Helmholtz-Institut für Biomedizinische Technik der RWTH Aachen durchaus Komfort, doch es werde Prof. E. Nass zufolge auch Verantwortung abgegeben, etwa, „wenn der Kühlschrank entscheidet, wann er wieder befüllt werden muss." Solche Fragen nach Entscheidungshoheit sind in der Diskussion zu berücksichtigen. Der Mensch dürfe nicht „deaktiviert" werden. „Es gilt vor allem darauf zu schauen, dass dem Einzelnen entsprechende Verantwortung erhalten bleibt", betont Prof. E. Nass.

Prof. J. Beyerer (Bild) ergänzt: „Handfeste technologische Ansätze, um Datenschutz und die genannten ethischen Aspekte zu erzwingen, sind vorhanden." Richtlinien und Gesetze würden in sogenannten ‚poli­cies‘ abgebildet, die dem Menschen verständlich sind, damit er sich eben nicht einer Technologie ausgeliefert ­fühle.

Für Dr.-Ing. W. Otten besteht eine „ethische Gefahr" weniger in der Indus­trie, sondern vielmehr bei Consumer-Produkten: „Die Industrie hat keinerlei Interesse am ‚Verdummungseffekt‘, sondern benötigt intelligente Mitarbeiter. Grundsätzlich kann es nicht unser Bestreben sein, unsere Mitarbeiter zu beeinflussen, daher sehe ich solche Effekte nicht." Und Prof. E. Nass stellt heraus: „Neben der Akzeptanz muss auch die Frage der Akzeptabilität gestellt werden." Man müsse genau erklären, was dem Menschen nutzt und wie ein Produkt dem Menschen nutzt. Allein der Verkaufswert darf nicht entscheidend sein.

„Technologiedaten haben sicher eine andere Bedeutung als Personendaten" führt Dr. C. Kurz aus. „Aber ich kenne eine Reihe von Forschungsprojekten, die sich mit der Messung von Vitalfunktionen befassen." Dem stünden sofort Betriebsvereinbarungen und Gesetze entgegen. Die Schwelle sei dort sehr hoch angelegt, wenn es um die Messung etwa von Herzfrequenz, Puls und Hirnströmen ginge. Jeder müsse sich fragen, inwieweit er bereit sei, sich auf so etwas einzulassen, weil er als Teil einer Maschine wahrgenommen werde oder sich wahrgenommen fühle. Letztlich gehe es um ­einen sicheren Umgang mit Personendaten. Laut Dr. C. Kurz ist der Begriff „Human­kapi­tal" zwar negativ besetzt, sollte aber positiv betrachtet werden und in Richtung Qualifizierung interpretiert werden."

Dr. K. D. Bettenhausen stellt dazu heraus: „Die Technologie muss in zwei Dimensionen betrachtet werden: Die eine Dimension ist die private, die andere der industrielle Einsatz." Mitarbeiter wünschten sich vielerlei Funktionen zu Hause, die industriell gar nicht eingesetzt werden dürften, zum Beispiel personenbezogene Ortungsdienste oder Messung der Vitalfunktionen. Industrielle Anwender würden so etwas nur einsetzen, wenn sie einen tatsächlichen Sicherheitsnutzen daraus realisierten. Dazu komme eine kulturelle Dimension: Im Ausland liege die Toleranzschwelle heute deutlich höher. Viele Datenauswertungen werden in Deutschland gar nicht erlaubt, in anderen Ländern würde darüber nicht diskutiert werden. Für Prof. S. Leonhardt führen die neuen Anwendungen dazu, dass die Nutzer anders trainiert werden: „Bestimmte Kenntnisse, zum Beispiel Kartenlesen, gehen verloren. Andere werden gewonnen, die auch zu mehr Effizienz führen." Prof. J. Beyerer ist es wichtig, dass die Fähigkeit erhalten bleibt, zuerst über Probleme nachzudenken, statt sofort nachzuschlagen. Für Prof. E. Nass stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob nicht – ethisch betrachtet – die Gefahr bestünde, dass der Bezug zwischen Realität und einer sozusagen nicht realen Welt verschwimmt. Eine solche Gefahr sieht Dr. W. Otten eher im Consumer-Bereich und nicht in der Industrie: „In der Industrie müssen wir darauf achten, dass Prozesse effizient gesteuert werden. Für Dr. K. D. Bettenhausen ist diese Frage nicht neu. Man müsse zwischen reiner Informatik und Automation unterscheiden: „Beim Wechselspiel zwischen realer Umwelt und Informatik sind zum Beispiel zeitliche Abläufe, etwa die Zeit, die vom Drücken eines Schalters bis zum tatsächlichen Öffnen eines Ventils vergeht, zu berücksichtigen." Dann gebe es auch keine Akzeptanzprobleme.

Interdisziplinarität und deren Umsetzung

Interdisziplinäres Arbeiten und die Umorganisation der Arbeitsstrukturen wird im Industrie-4.0-Zeitalter immer mehr ein Thema. „Aus konkreten Erfahrungen mit einem interdisziplinären Projekt kann ich über aufregende Lernprozesse berichten", so Dr. C. Kurz. „Es geht nicht da­rum, dass der Einzelne zeigt, was er alles kann, sondern auch um das Verständnis der Probleme der jeweiligen Spezialisten und Abteilungen. In diesem Projekt war es unglaublich lehrreich zu verstehen, dass jede Disziplin anders interessiert und orientiert ist, sich alle zusammen aber gegenseitig beflügelten." Dr. W. ­Otten meint: „Die ganze Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie hängt von der Optimierung der Wertschöpfungskette ab. Wir kommen von Insellösungen, die über Logistik verkettet waren, zu vernetzten Systemen. Industrie 4.0 ist nur ein Hilfsmittel, um Prozesse in den Unternehmen sauberer zu strukturieren und weiter zu optimieren." Die stärkere Vernetzung biete entscheidende Wettbewerbsvorteile. Laut Prof. S. Leonhardt ist „bei zunehmender Komplexität auch intensivere Ausbildung und vertieftes Projektverständnis gefordert". Dies sei in Zeiten, in denen Lehre eher verkürzt wird, nur schwer zu gewährleisten. Dr. K. D. Bettenhausen betont, dass bereits heute in allen Projekten inter­dis­zi­pli­när zusammengearbeitet werde. Im industriellen Umfeld müsse man dies den Mitarbeitern – vor allem solchen, die gerade aus dem Studium kommen – erst einmal beibringen. ­Viele Ausbildungssysteme seien eher darauf ausgerichtet, dass der Einzelne nur sein Fachgebiet beherrscht. Bei Projekten stehe aber nicht die Einzelleistung im Vordergrund. „Neben Experten, die das Tiefenwissen mitbringen, wird auch ­eine eigene Qualifikation benötigt, mit der unterschiedliche Professionalitäten zusammengeführt werden", schließt Prof. E. Nass an. Auch Dr. C. Kurz stellt heraus, dass sich heute die Vermittlung interdisziplinärer Kompetenzen bei den Studierenden auf die Vermittlung von Methodenwissen beschränke. Hier wäre eine stärkere Zusammenarbeit zum Beispiel der Ingenieurswissenschaften mit den Bereichen Psychologie und Medizin wünschenswert. Dies sei in Ansätzen durchaus vorhanden, aber eben noch nicht breit aufgestellt.

Die Frage, die sich dabei stellt, ist: Wie weit muss Interdisziplinarität gehen? Ist ein Mechatroniker mit zusätzlichen Kenntnissen in der Elektrotechnik und der Informatik bereits ausreichend ausgebildet? „Als Ingenieur und Medizintechniker sehe ich gerade das Beispiel Mechatronik als eine Disziplin, in der alle Aspekte berücksichtigt werden", betont Prof. S. Leonhardt, der selbst eine Vorlesung Mechatronik hält. In der Medizintechnik gehe das noch weiter. Hier müssten Ingenieuren medizinische Grundlagen vermittelt werden. Ohne Grundsatzwissen über Physiologie gehe das nicht. Bei den Studenten gebe es keine Berührungsängste, aber Weite und Tiefe bei kürzerer Studienzeit passen nicht zusammen. Auch für Dr. C. Kurz sollten die Studierenden die Zeit und die Möglichkeit haben, etwa in Projektarbeiten unterschiedliche Perspektiven und Dinge anzugehen und auch zu reflektieren. Allerdings stünde dem „die reine Kon­zen­tra­tion auf Arbeitsmarktfähigkeit in möglichst kurzer Zeit entgegen".

In der Praxis läuft in den Unternehmen laut Dr. C. Kurz vieles schon interdisziplinär. Allerdings hinken Bereiche, wie Fertigung und Montage, hier noch nach. Hier komme es eher zur Abschottung, die das Vermitteln von Erfahrungs- und Prozesswissen im Sinne von Interdisziplinarität und Vernetzung verhindere.

Lean-Prozesse haben die ­Industrie schlanker gemacht. Viele Prozesse in Echtzeit sind aber durch den Anlagenfahrer bzw. Anwender gar nicht mehr beherrschbar. Seit Jahren leidet zum Beispiel die Chemieindustrie darunter, dass 90 % der sicherheitsrelevanten Ereignisse durch menschliche Fehler verursacht werden. Die Technologie ermöglicht siche­rere und robustere Prozesse. Letztlich führt es dazu, dass viele Berufe gar nicht mehr gebraucht werden. Wie soll dieser Wandlungsprozess vonstatten gehen? „Genau die Abbaueffekte und Beschäftigte, die nicht mehr untergebracht werden können, werden leider vernachlässigt, auch wenn Weiterbildungsaktivitäten verstärkt werden", führt Dr. C. Kurz dazu aus. Es gibt die Hoffnung, dass neue Lerntechnologien zu verbesserter Qualifikation führen. Nichtsdestotrotz ist es ­eine Frage der Prioritäten. „Den Transfer zu schaffen, und die damit einhergehenden Veränderungen in der Kom­mu­ni­ka­tion und Interaktion zu gewährleisten, sind entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg", betont Dr. W. Otten. „Genau die Unternehmen werden erfolgreich überleben, die ihre Strukturen und ihre Vernetzungen neu organisieren und flexibilisieren."

Autor: Ronald Heinze

Beitrag als PDF downloaden.

20 Jahre openautomation

Die Grundidee bleibt, die Dimensionen wachsen

„Eine Branche im Umbruch: Anwender fordern in aller Deutlichkeit kostensenkende, flexible und offene Automatisierungslösungen sowie Durchgängigkeit vom Sensor bis zum Management“ – dieser Grundanspruch hat sich über die letzten 20 Jahre nicht geändert, aber die Dimensionen, die neue Technologien mit sich bringen, lassen die Industrie 4.0 Wirklichkeit werden. Immer im Mittelpunkt dabei: Daten – das viel gepriesene Öl des 21. Jahrhunderts. Die Grundidee der vertikalen Integration bleibt, nur das Wording ändert sich heute.

» Weiterlesen ...

Normen

DIN-VDE-Normen einfach online nutzen

Normen aus dem VDE VERLAG

» Mehr Informationen ...

Zum Schmunzeln

Mann beim Bäcker: „Ich hätte gerne vier Brötchen.“
Bäcker: „Wenn Sie nur drei nehmen, gibt es eins umsonst!“
(Mann überlegt, wer hier nun der Vollidiot ist.)
Copyright © VDE VERLAG GMBH, zuletzt aktualisiert am 21.10.2019