31. Mai 2012

Industrial Future Nation

Editorial aus openautomation 3/2012


Man mag ja von der Hannover Messe halten, was man will, aber eines bietet sie wie kaum eine andere Messe: faszinierende Technik. Termingehetzt laufen wir über die Messe und plötzlich halten wir beeindruckt inne, weil wir sehen, wie kleine Roboter mit autonomer Steuerung in einer Flying-Machine-Arena durch die Luft tanzen. Wir erfahren, es sind Quadrokopter der ETH ­Zürich. Eine Managementsoftware ist quasi ­virtueller Copilot, führt Routineaufgaben durch und behält wichtige Systemparameter im Blick. Die Forscher der ETH entwickeln an diesen Quadrokoptern neuartige Regelstrategien und Lernalgorithmen.

Und während solche Demonstrationen noch irgendwie technisch logisch und erklärbar sind, wird es beim Brain-Computer-Interface fast schon unheimlich. So erinnert das „Per Kraft der Gedanken Dinge bewegen“ an spiritistische Sitzungen. Gut, wer Glaskugeldeutung und Gläserrücken im regelmäßigen Freizeitprogramm hat, dem mag das völlig normal vorkommen. Für viele dürfte es aber eher mystisch wirken. In diesem Fall hatte Festo eines der ersten ­Videospiele mit Tennischarakter auf einem realen Spielfeld ­umgesetzt. Der Schläger wurde von zwei Linearachsen, deren Antriebe entlang der Grundlinien nach links und rechts verfahren, bewegt. Dabei steuerte der eine Spieler seinen Schläger rein durch die Kraft seiner Gedanken. Hierzu kam das Brain-Computer-Interface zum Einsatz, welches wie bei der Elektroenzephalografie (EEG) Spannungsschwankungen auf der Kopfoberfläche über dafür angebrachte Elektroden misst. Für das Spiel entwickelte Festo mit Cogni Ware eine Softwarelösung, über die der Schläger mit Gedanken und Biosignalen gesteuert wird. Sie stellt einen Kommunikationskanal zwischen Gehirn und Hardware her, ohne dass der Anwender dabei mittels Sprache oder Eingabegeräten interagieren muss. Hintergrund dieser spielerischen Umsetzung der Mensch-Maschine-Interaktion ist es, neue Wege für nächste Bedienkonzepte zwischen Mensch und Maschine zu eröffnen. Willkommen bei Akte X als Daily Soap.

Und wenn Messebesucher nach diesen Darbietungen dann noch mit dem Messe-Trendthema Industrie 4.0 konfrontiert wurden, erschien es für die meisten sicherlich fast trivial, die physikalische und die virtuelle Welt miteinander zu verschmelzen. Deutschland wird dabei übrigens eine gute Ausgangsposition aufgrund seiner Vorreiterstellung bei eingebetteten Systemen zugeschrieben. Und nach solchen Brain Performances dürfte keiner mehr daran zweifeln, dass Deutschland es schafft, bis 2020 Leitanbieter für Cyber-Physical Systems zu werden.

Inge Hübner


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