02. Januar 2012
ZVEI: Optimistische Aussichten für die Elektroindustrie
“Die äußerst kräftige Erholung der deutschen Elektroindustrie aus dem Jahr 2010 hat sich auch 2011 ähnlich dynamisch fortgesetzt. Für das Jahr 2012 rechnen wir ebenfalls mit weiterem Wachstum. Dessen Tempo dürfte sich aber gegenüber den beiden vorangegangenen Jahren deutlich verlangsamen”, lautet die Prognose von Dr. Klaus Mittelbach, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung. “Mit ihren zentralen Technologien bleibt die Branche ein Stabilitätsanker im Verarbeitenden Gewerbe sowie in der deutschen Wirtschaft insgesamt”, sagte er weiter anlässlich der Konjuktur-Pressekonferenz am 15. Dezember in Frankfurt/M.
2011 im Überblick
Zu Beginn seiner Rede skizzierte er die Entwicklung im Jahr 2011. “Die – um Preiseffekte bereinigte – Produktion der Elektrounternehmen ist in den ersten zehn Monaten dieses Jahres um weitere 15 % gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Der Branchenumsatz hat um 8 % zugelegt”, so Dr. K. Mittelbach. Für das Gesamtjahr 2011 ergeben die ZVEI-Hochschätzungen ein Produktionswachstum von 14 % und einen Anstieg der Erlöse auf 180 Mrd. Euro. “Damit sind die Verluste aus der 2009-er Finanz- und Wirtschaftskrise inzwischen so gut wie aufgeholt. Allerdings sind wir noch nicht wieder zurück auf dem langfristigen Wachstumspfad”, sagte er weiter.
Im Zuge des Aufholprozesses wie auch aufgrund weiterer struktureller Verbesserungen hat die Produktivität der Elektrofirmen zwischen Januar und September 2011 um 13 % (gegenüber Vorjahr) zugenommen. Die Lohnstückkosten sind entsprechend um 10 % gesunken. Die Elektroindustrie verfügt über ein ebenso breit diversifiziertes wie dynamisches und innovatives Produktportfolio. Fast vier Fünftel unserer Produkte und Systeme entfallen auf den Bereich der Investitionsgüter, 12 % auf Vorleistungsgüter (insbesondere elektronische Bauelemente) und
10 % auf Gebrauchsgüter.
“Schneller als andere setzen wir Ideen in marktreife Produkte um”, ist der Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung überzeugt. Er konkretisiert: “Acht von zehn Elektrounternehmen warten regelmäßig mit Produkt- oder Prozessinnovationen auf. 40 Cent von jedem umgesetzten Euro werden mit Produkt- oder Sortimentsneuheiten erlöst. Und jede dritte Innovation innerhalb des verarbeitenden Gewerbes erfährt ihren originären Anstoß durch die Elektroindustrie.” Neben eigenen Innovationen gäbe die Branche damit auch noch Impulse für Neuerungen an anderer Stelle im industriellen Sektor. Grundlage hierfür bildeten Investitionen sowie Aufwendungen für Forschung &Entwicklung (F&E). Sie beliefen sich in 2011 auf 5,2 Mrd. Euro bzw. 12,6 Mrd. Euro, womit die jeweiligen Vorjahresbudgets um 13 % bzw. 6 % übertroffen worden sind.

Elektrokonjunktur – Überblick
Insgesamt sind 2011 die klassischen Investitionsgütersektoren am stärksten gewachsen. In den ersten zehn Monaten des letzten Jahres sind die Umsätze etwa
• in der Automation um 19 %,
• in der Energietechnik um 16 %,
• in der Installationstechnik um 11 %oder
• in der Medizintechnik um 7 %
gegenüber Vorjahr gewachsen. Der gesamte Bereich der Investitionsgüter hat sein Vorjahresniveau um 11 % übertroffen.
Bei den Gebrauchsgütern sind die Erlöse im gleichen Zeitraum um 5 % gestiegen. Der Umsatz mit elektronischen Bauelementen lag 5 % im Minus – dies allerdings vor dem Hintergrund eines Vorjahreswachstums von plus 25 % sowie stark rückläufiger Preise.

Umsatz nach Fachbereichen ─ Januar bis Oktober 2011
Die Exportentwicklung
“Was die Ausfuhren unserer Branche anbelangt, so hatten wir das 2008-er Level bereits 2010 schon wieder überholt. 2011 dürfte hier ein neuerliches Rekordjahr werden”, meinte Dr. K. Mittelbach und konkretisierte: “In den ersten drei Quartalen 2011 haben die Elektroexporte ihren Vorjahresstand um 8 % übertroffen. Für das Gesamtjahr rechnen wir mit einem Plus von 7 % bzw. 10 Mrd. Euro auf dann 161 Mrd. Euro – nach 151 Mrd. Euro im Jahr davor.”
Zwei Drittel der Branchenausfuhren gehen nach wie vor nach Europa. Dorthin hat die deutsche Elektroindustrie zwischen Januar und September 2011 6 % mehr exportiert als 2010. In die 17 Länder des Euroraums, wo insgesamt knapp zwei Fünftel der Ausfuhren abgesetzt
werden, nahmen die Lieferungen um 4 % zu. In die von der Eurokrise betroffenen Südländer erhöhten sie sich sogar um 5 %.
Die höchsten Zuwachsraten verbuchten in den ersten neun Monaten 2011 die Exporte
• nach China (mit plus 23 % gegenüber Vorjahr),
• in die Gruppe der BRICS-Länder insgesamt (mit plus 22 %) und
• in die USA (mit plus 18 %).
China und die USA haben damit beide Frankreich als wichtigsten Abnehmer deutscher Elektroprodukte abgelöst. Bei einer Unterteilung der Abnehmer deutscher Elektroexporte in Industrie- und Schwellenländer (gemäß Abgrenzung des Internationalen Währungsfonds,
IWF) gehen zwei Drittel der Ausfuhren in die Industrieländer und ein Drittel in die Schwellenländer. “Von Januar bis September haben die Exporte in die Schwellenländer mit plus
13 % (gegenüber Vorjahr) mehr als doppelt so stark zugelegt wie diejenigen in die Industrieländer mit plus 6 %”, informierte Dr. K. Mittelbach weiter.

Elektroexporte – Januar bis September 2011
Beschäftigungszahlen, Kapazitätsauslastung und Auftragsbestand
Die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Elektroindustrie lag Ende September 2011 bei 845.000. Das sind 18.000 mehr als Ende des Boom-Jahres 2008 (als die Branche 827.000
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zählte) und 45.000 mehr als auf dem krisenbedingten Tiefpunkt im April 2010 (als die Beschäftigung bis 800.000 gesunken war). “Kurzum: Wir schaffen neue Arbeitsplätze!”, bilanzierte Dr. K. Mittelbach.

Beschäftigte in der Elektroindustrie
Die Kapazitätsauslastung der Elektrounternehmen ist im vierten Quartal 2011 leicht von 86 % auf 85 % zurückgegangen. “Damit liegt der Auslastungsgrad noch immer zwei Prozentpunkte höher als im langfristigen Durchschnitt”, so der Vorsitzende der ZVEI-Geschäftsführung. Er erinnerte: “2009 war die Kapazitätsauslastung zwischenzeitlich auf 71 % der betriebsüblichen Vollauslastung eingebrochen.” Und auch der Auftragsbestand befände sich mit drei Produktionsmonaten ebenfalls oberhalb seines langfristigen Mittelwerts (von 2,6 Monaten).
“Eine Knappheit bei Material- und Rohstoffen hat im ablaufenden Jahr 2011 zu den vergleichsweise größten Produktionshemmnissen gehört. Vor allem drastische Preissteigerungen bei Seltenen Erden haben die Herstellungskosten bei vielen Firmen spürbar in die Höhe getrieben. Zudem stellt der Mangel an Ingenieuren und qualifizierten Fachkräften weiterhin eine Herausforderung für unsere Branche dar”, sagte Dr. K. Mittelbach.
Der Auftragseingang
Die Auftragseingänge, die Dr. K. Mittelbach als die “Schnittstelle zur Zukunft” bezeichnet, haben
in den ersten zehn Monaten 2011 insgesamt noch einmal um 10 % (gegenüber Vorjahr) zugenommen. Dabei hätten sich die Inlandsbestellungen mit plus 14 %, insbesondere aufgrund von Großaufträgen, besser entwickelt als die Auslandsbestellungen mit plus 6 %.
Die Bestellzuwächse, wie auch die Zuwächse bei Produktion, Umsatz und Export, sind zuletzt kleiner geworden. “Hier und da sind auch mal einzelne Monate mit negativen Raten (gegenüber Vorjahr) dabei. Bislang lässt sich dies aber noch mit den auslaufenden Aufholeffekten
einerseits sowie einer konjunkturzyklisch bedingten Verlangsamung andererseits erklären”, beruhigte der Experte. Nach den heftigen Einbrüchen 2009 und der überaus kräftigen Erholung 2010 und im ersten Halbjahr 2011 normalisiere sich die Entwicklung. “Der Kanon der Stimmungsindikatoren für die deutsche Elektroindustrie weist auf ein weiteres Nachlassen der Dynamik hin. Er signalisiert bisher aber kein abruptes Abreißen des Aufschwungs wie damals nach der Lehman-Brothers-Pleite”, stellt er zudem heraus.
Zwar befänden sich die allgemeinen Geschäfts- sowie die Exporterwartungen der ZVEI-Mitgliedsfirmen seit einiger Zeit auf dem Rückzug. Gleiches gelte für ihre Produktionspläne. “Trotzdem bewerten fast neun von zehn Elektrounternehmen ihre aktuelle Geschäftslage immer noch als gut oder stabil. Vier von fünf Firmen rechnen mit gleich bleibenden bis weiter steigenden Ausfuhrgeschäften im nächsten Vierteljahr. Und das Geschäftsklima in der Elektroindustrie insgesamt – als Mittel aus aktueller Lagebeurteilung und den Erwartungen für die kommenden sechs Monate – befindet sich per Saldo weiterhin im positiven Bereich”, informierte er.
Prognose für 2012
Unter der Voraussetzung, dass es der Politik endlich gelingt, die Euro-Schuldenkrise dauerhaft in den Griff zu bekommen und die Eurozonenachhaltig zu stabilisieren, erwartet der ZVEI auch für 2012 einen Anstieg der (preisbereinigten) Produktion der deutschen Elektroindustrie. Mit plus 5 % dürfte dieser Anstieg aber wesentlich moderater ausfallen als das eingangs genannte Output-Wachstum von 14 % in 2011.

Deutsche Elektroindustrie: Ausblick
“Damit halten wir an unserem bisherigen Ausblick fest. Mit der prognostizierten Steigerung kommen wir dann fast dahin, wo wir ständen, wenn wir seit 2008 auf dem langfristigen Wachstumspfad von plus 3 % pro Jahr geblieben und nicht 2009 abgestürzt wären. Der Branchenumsatz sollte ebenso weiter zulegen und Kurs auf die (Rekord-)Marke von mehr als 185 Mrd. Euro nehmen. In jedem Fall trägt die Elektroindustrie weiter überdurchschnittlich zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland bei und übernimmt damit zunehmend eine treibende Funktion”, ist er ferner überzeugt.
Der ZVEI-Ausblick stützt sich auf folgende Faktoren:
• So soll die Weltwirtschaft im nächsten Jahr um fast 4 % wachsen.
• Wichtige Abnehmerbranchen wie die Automobilindustrie oder der Maschinenbau stellen auch für 2012 weiteres Wachstum in Aussicht.
• Die Ausrüstungs- und die Bauinvestitionen in Deutschland sollen im nächsten Jahr um etwa 3 % bzw. 2 % zulegen.
• In einer ZVEI-Konjunkturumfrage von Mitte November haben 93 % der befragten Firmen angegeben, dass sie 2012 mit weiterem Wachstum rechnen; 53 % sogar mit Raten über 5 %.
• Schließlich würde ein statistischer Überhang mit ins nächste Jahr genommen.
“Sowohl betriebswirtschaftlich als auch strukturell ist die deutsche Elektroindustrie sehr gut aufgestellt. Mit einer durchschnittlichen Eigenkapitalquote von fast 40 % stehen die Elektrounternehmen um 10 Prozentpunkte besser da als die Firmen im verarbeitenden Gewerbe insgesamt. Ihre Abhängigkeit von Fremdkapital ist heute wesentlich geringer als noch vor einigen Jahren”, gab sich D. K. Mittelbach zuversichtlich.
Die mit den nach wie vor intakten globalen realwirtschaftlichen Megatrends verbundenen Herausforderungen würden mit entsprechenden Wachstumsperspektiven für die Branche einhergehen. Mehr Klimaschutz, mehr Energie- und Ressourceneffizienz, die Bewerkstelligung der Energiewende, mehr technologische Intelligenz, die Bewältigung des demografischen Wandels, mehr Sicherheit oder mehr Infrastruktur – alles das sei ohne die zentralen Technologien der Elektroindustrie nicht zu haben, ist der Experte überzeugt.
So wachse die Weltbevölkerung mit hohem Tempo weiter. Bis 2050 wird die Zahl der auf der Erde lebenden Menschen von heute 7 Mrd. auf schätzungsweise über 9 Mrd. zunehmen. Ein immer größer werdender Anteil der Bevölkerung wird in Städten leben und dabei immer mobiler werden wollen. Der mit dem rasanten Bevölkerungswachstum einhergehende Bedarf an Konsum- und Investitionsgütern, an Infrastruktur oder an Mobilität trifft auf ein endliches, begrenztes Angebot an natürlichen Ressourcen. “Entsprechend wird die globale Nachfrage nach energieeffizienten Produkten und Systemen zunehmen. Gerade die Spitzentechnologien der heimischen Elektroindustrie sind unabdingbar, wenn es gelingen soll, den genannten Bedarf klimafreundlich und ressourcenschonend – und damit nachhaltig – zu bedienen”, meint der Vorsitzende der ZVEI-Geschäftsführung. Um die Herausforderungen zu bewältigen, müssten vielfach völlig neue Wege beschritten werden. “Das gilt vor allem für die Energiepolitik. Hier muss ein Systemwechsel – weg von unserem heutigen eindimensionalen Energiesystem, hin zu einer dezentralen und viel mehr regionalen Struktur der Energieversorgung – her”, lautet sein Abschluss-Statement.
Weitere Informationen unter www.zvei.org.
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