09. November 2011

2008 wiederholt sich nicht

Beitrag aus openautomation 6/2011


Nach dem Szenario der V-Kurve und der Wachstumsprognose „3×3“ stellt Roland Berger Strategy Consultants ein Update seines Wachstumsszenarios für die deutsche Wirtschaft vor. Es fällt erneut deutlich optimistischer aus als die Erwartungen der etablierten Wirtschaftsforschungsinstitute und geht davon aus, dass sich die Wirtschaftskrise von 2008 nicht wiederholt.


Prof. Dr. Burkhard Schwenker ist Aufsichtsrats­vorsitzender von Roland Berger Strategy Consultants

Die im Oktober veröffentlichte Konjunktureinschätzung ist bereits die fünfte nach Ausbruch der Krise. Mit der V-Kurve hatte Roland Berger ein Szenario entworfen, das inzwischen Realität geworden ist: Einem starken Einbruch der Konjunktur folgte ein ebenso starker und schneller Aufschwung. Auch für das letzte Konjunkturszenario von Anfang 2011 waren die Unternehmensberater zu einem deutlich optimistischeren Szenario gekommen als die meisten Prognostiker. „3 × 3“ lautet die Prognose, also drei Jahre hintereinander mindestens 3 % Wachstum in Deutschland. Die erste „3“ (2010) ist eingetreten und die zweite „3“ (2011) ist heute fast erreicht. Noch offen ist die Frage, wie realistisch ein 3-%iges Wachstum der deutschen Wirtschaft im Jahr 2012 ist.

Die Analyse wurde daher unter den veränderten real- und finanzwirtschaftlichen sowie politischen Bedingungen im September 2011 wiederholt. Ergebnis ist erneut eine optimistische Prognose. Prof. Dr. Burkhard Schwenker, Aufsichtsratsvorsitzender von Roland Berger Strategy Consultants, erläutert: „Erstens gehen wir davon aus, dass sich die Weltwirtschaftskrise von 2008 nicht wiederholt. Zweitens: Wir erwarten, dass sich die Wachstumsdynamik nur unwesentlich abschwächt, sodass am Jahresende 2011 immer noch eine starke Drei vor dem Komma steht. Und drittens sind wir auch für 2012 optimistisch, wobei wir davon ausgehen, dass sich die wirtschaftliche Lage in den USA verbessern wird und wichtige Schritte zur Lösung der europäischen Schuldenkrise schnell sichtbar werden.“

Prof. B. Schwenker sieht sich durch die regelmäßig nach oben korrigierten Wachstumsprognosen für Deutschland bestätigt: „Die Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland wurde systematisch unterschätzt.“ Allerdings sei das keine Gewähr dafür, dass es nicht auch schnell anders kommen könne. „2008 haben wir genau das erlebt. Seitdem wissen wir auch, dass es zwei wirtschaftliche Welten gibt: die Real- und die Finanzwirtschaft. Beide haben immer weniger miteinander zu tun – das ist das Kernproblem“, sagt er.


Realwirtschaft entwickelt sich positiv
Die deutsche Wirtschaft hat mit ihrem 3,7-Prozent-Wachstum im vergangenen Jahr einen Rekordwert erreicht und wächst mit rund 3 % in diesem Jahr erneut stark. Verantwortlich dafür sind die steigende Exportnachfrage nach deutschen Produkten und der kräftige Binnenkonsum. Auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt entwickelt sich gut: So messen die Statistiker derzeit mit 2,79 Mio. Arbeitslosen und einer Quote von 6,6 % den niedrigsten Wert seit der Wiedervereinigung. „Die realwirtschaftliche Lage ist in Deutschland selbst, aber auch in seinen wichtigsten Exportmärkten, derzeit überwiegend positiv“, sagt Prof. B. Schwenker.

Unternehmenszahlen und Handelsvolumina würden Spitzenwerte erreichen und die volkswirtschaftlichen Indikatoren lägen im Durchschnitt der letzten zehn Jahre oder deutlich darüber. Und auch bei den Rohstoffen bestünde derzeit kein Grund zur Sorge: Der Ölpreis ist derzeit stabil und auch die sonstigen Rohstoffpreise liegen weder übermäßig hoch noch schwanken sie. „Es gibt also keinen echten realwirtschaftlichen Grund für den aktuellen Pessimismus“, sagt der Experte.


Finanzwirtschaft mit negativem Trend
Die Kapitalmärkte zeigen allerdings ein komplett anderes Bild: Seit etwa zwei Monaten brechen die Börsenindizes weltweit dramatisch ein. Besonders starke Verluste mussten die Finanztitel verkraften. Das Vertrauen in den Finanzsektor ist gering, die Anleger haben Angst vor weiteren negativen Überraschungen. Für diese – angesichts der guten und stabilen Lage in der Realwirtschaft unerwartete – trübe Stimmung nennen die Experten von Roland Berger vier Gründe:
• Psychologie: Die Medien bringen täglich negative Berichte und pessimistische Kommentare, vor allem zum Thema „Eurokrise“.
• Technische Automatismen in den Programmen der Finanzbranche: Diese werden ausgelöst, wenn bestimmte Schwellenwerte überschritten oder Anlageprodukte durch die Ratingagenturen anders eingestuft werden.
• Spekulation: Sie tritt derzeit an den Finanzmärkten wieder vermehrt auf – gegen kriselnde Eurostaaten, auf sinkende Währungen oder Einzeltitel.
• Allgemeiner Vertrauensverlust in die Problemlösungskompetenz der Politik.


Die Politik muss entschlossener handeln
Die Experten von Roland Berger fordern daher entschlosseneres Handeln der Politik. „Wir müssen möglichst bald zu einer stärkeren finanz- und wirtschaftspolitischen Integration Europas kommen“, ist Prof. B. Schwenker überzeugt. Dazu gehören die Schaffung einer Insolvenzordnung für europäische Staaten mit klaren Regeln und einer unabhängigen Institution, die diese Regeln anwendet und überwacht. Notwendig sind außerdem die Einführung einer europä­ischen Wirtschaftsregierung und die Schaffung eines echten europäischen Währungsfonds sowie der Aufbau einer europäischen Rating-Agentur. „Diese Instrumente werden mittelfristig helfen, Krisen wie die derzeitige gar nicht erst entstehen zu lassen“, sagt der Experte. „Um den akuten Fall Griechenland zu lösen, kommen sie zwar zu spät. Dafür haben wir aber erst kürzlich unser Konzept ‚Eureca‘ vorgestellt, das mithilfe einer Treuhand erstmals einen realistischen Weg zur Entschuldung des Landes aufzeigt.“


Zentrale Ergebnisse des aktuellen Konjunkturszenarios
Die Frage, ob eine „Weltwirtschafts­krise II“ bevorsteht, beantworten die Roland-Berger-Experten eindeutig mit „Nein“. So steht aus ihrer Sicht die Realwirtschaft 2011 viel stabiler da als 2008. Auch bei den globalen Wachstumsrisiken zeigt sich ein entscheidender Unterschied: 2008 war das Weltwirtschaftswachstum zu etwa zwei Dritteln durch das Ausgabeverhalten der US-Konsumenten bedingt; die Abhängigkeit von den USA war enorm. Heute wird das Weltwirtschaftswachstum zu zwei Dritteln vom Wachstum der drei Schwellenländer China, Indien und Brasilien getragen. Und diese wachsen derzeit stabil und dynamisch.

Auch in der Finanzwirtschaft ist die Lage deutlich besser als 2008. Zunächst sind die Risiken der Banken weltweit nominell geringer. Die Transparenz und das Risikobewusstsein haben deutlich zugenommen und die Banken haben ihr Eigenkapital stark erhöht. Zudem hat die Politik Märkte reguliert und ist heute auch selbst deutlich besser für eine Krise gewappnet als noch vor drei Jahren. So wurden beispielsweise die Regulierung des Bankensektors durch Basel III, das Verbot von Leerverkäufen, erzwungene Fusionen und neue Regelungen zum Eigenhandel der Banken verbessert. Und nicht zuletzt sind Mechanismen und Instrumente zum Umgang mit in Krisen geratenen Staaten entwickelt worden, die es vor drei Jahren noch gar nicht gab.


Wirtschaftswachstum 2011: eine starke 3 vor dem Komma
Auch wenn sich die Krise von 2008 nicht wiederholen mag, so könnte doch der Pessimismus der letzten Wochen demnächst massiv auf die Realwirtschaft durchschlagen und das Ziel, in Deutschland dieses Jahr ein Wachstum von 3 % oder mehr zu erreichen, zunichtemachen. „Wir gehen allerdings davon aus, dass es nicht zu einem übermäßig starken Ausstrahleffekt auf die Realwirtschaft kommt und bleiben optimistisch“, sagt Prof. B. Schwenker. „Unsere zweite ,3‘ für das Gesamtjahr 2011 beruhte in unserer Frühjahrsanalyse vor allem auf der Annahme, dass der Export weiter zieht und die Binnenkonjunktur nachkommt. Beides hat sich bislang bestätigt.“


Positiver Ausblick für 2012 – unter zwei Bedingungen
Für 2012 gibt es drei Szenarien für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland: Das pessimistischste erwartet einen Rückfall in die Rezession, die W-Kurve, auch „double dip“ genannt. Das zweite erwartet ein sehr schwaches Wachstum oder eine Stagnation. Als drittes Szenario ist denkbar, dass das starke und dynamische Wachstum der deutschen Wirtschaft anhält. Die Experten von Roland Berger halten dieses für am wahrscheinlichsten. Weil die realwirtschaftlichen Wachstumskräfte so stark sind und es auf mittlere Frist auch bleiben werden, erwarten sie 2012 ein nur unwesentlich schwächeres Wachstum als in den beiden Boomjahren 2010 und 2011. Eine Drei vor dem Komma ist damit weiterhin möglich. „Wir revidieren unsere optimistische Einschätzung für das Gesamtjahr 2012 bewusst nicht“, sagt Prof. B. Schwenker. „Es ist aber klar, dass es dafür zwei entscheidende Bedingungen gibt: Erstens glaubwürdige politische Schritte hin zu einer Lösung der europäischen Schuldenkrise und zweitens eine Verbesserung der Lage in den USA. Wir halten beides für wahrscheinlich. Sollten wir recht haben, stehen wir in Deutschland 2012 zum dritten Mal in Folge vor einem starken Wirtschaftswachstum.“ Für den Strategen ist daher klar: „Wer jetzt zu sehr in Pessimismus verfällt, ist aus unserer Sicht auf mindestens einem Auge blind. Wir bleiben optimistisch.“

Weitere Informationen unter www.rolandberger.com.

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