14. Oktober 2011

IEC 61499 versus IEC 61131-3!?

Beitrag aus openautomation 5/2011


Am 17. Oktober 2011 findet der 20. Automation Day statt, auf dem unter anderem die Frage „IEC 61499 – Die neue IEC 61131-3?“ in einem Vortrag erörtert wird. openautomation befragte im Vorfeld den Infoteam-Referent Christopher Schemm und Isagraf-Vertreter Marc Schoeters zum Thema.


Die IEC 61499 existiert bereits seit mehr als sechs Jahren. Aus welchem Grund wird das Thema erst jetzt vermehrt auch im industriellen Umfeld nachgefragt bzw. dargestellt?

Christopher Schemm ist International Sales Assistant bei der Infoteam Software AG

C. Schemm: Die IEC 61131-3 hat einen Siegeszug hinter sich und wird aktuell als Standard von praktisch allen Herstellern unterstützt. Wenn man allerdings zurückblickt, muss man zugeben, dass das doch etliche Jahre in Anspruch genommen hat. Die Automatisierungsindustrie ist nun einmal konservativ, und neue Ansätze werden erst nach sorgfältiger Prüfung übernommen und eingesetzt. Zudem war die erste Version der IEC 61499 noch stark verbesserungsfähig. Dahingehend ist mit dem heutigen Stand ein deutlicher Fortschritt zu verzeichnen.

Eine IMS-Studie zeigt zum Beispiel, dass der Markt IEC 61499 als sehr wichtig erachtet wird. Schon heute wird die IEC 61499 in einer Vielzahl von Automatisierungsapplikationen eingesetzt. Die Wahrnehmung, dass aktuell eine höhere Nachfrage im deutschsprachigen Markt herrscht, zeigt sich schon dadurch, dass es weitere Anbieter von IEC-61499-Tools gibt.


Steuerungshersteller zeigen sich beim Thema IEC 61499 entweder in Egalhaltung oder in Abwarteposition. Woran liegt das und bis wann erwarten Sie hier mehr Regsamkeit?
C. Schemm: Die IEC 61499 ist dabei, sich innerhalb der industriellen Automatisierung zu etablieren. Ähnlich zur IEC 61131-3, die zehn Jahren benötigte, um eine breite Akzeptanz zu erreichen, gewinnt die IEC 61499 an Marktakzeptanz und wird in den nächsten Jahren ein wichtiger Bestandteil der industriellen Automatisierung werden. Auch die Tatsache, dass der Einsatz der IEC 61499 in Projekten stetig wächst, wird das Interesse weiter steigern.


Die Software Isagraf war eine der ersten, die die IEC 61499 berücksichtigt. Welche Erfahrung haben Sie bei Anwendern im Hinblick auf die neuen Möglichkeiten dieses Programmieransatzes gemacht?

Marc Schoeters ist Manager Strategic Markets bei der Isagraf- Rockwell Automation GmbH

M. Schoeters: Die Kapselung der Funktionalität in den einzelnen Steuerungen und die Kopplung der Algorithmen an Ereignisse (Events) ist letztlich neben der Objektorientierung und dem Komponentenansatz ein Weg, steigende Komplexität handhabbar zu machen. Der Ansatz der IEC 61499 kommt dabei dem Denken der Anwender im mechatronischen Maschinenbau deutlich näher als eine an C++ und C# angelehnte Objektorientierung.


Bitte erläutern Sie an einem Praxisbeispiel die Vorteile des verteilten Systemansatzes.
M. Schoeters: Da die IEC 61499 auf dezentrale Applikationen abgestimmt ist, wird sie meist dort eingesetzt, wo die Dezentralisation am größten ist. Verschiedene Logistik-Anwendungsbereiche, zum Beispiel Systeme zur Gepäckabfertigung, wurden hiermit realisiert. Die Markterfahrung, die mit der Verwendung von IEC 61499 innerhalb Isagraf V5 gesammelt wurde, fließt jetzt maßgeblich in die Implementierung der Isagraf V6 ein.


Im Mai 2011 haben Sie Ihre Koopera­tion mit Infoteam bekannt gegeben. Bitte geben Sie einen kurzen Überblick über aktuelle Ergebnisse der Zusammenarbeit.
M. Schoeters: Seit dem Abschluss der Verträge im Mai findet nun ein engagierter Austausch zwischen den Entwicklungsteams und der Vertriebsmannschaft von Infoteam und Isagraf statt. Im Juli führte Isagraf intensive Trainings der Entwicklungsteams in Bubenreuth durch. Vorstände, Vertriebsmitarbeiter und Marketingvertreter beider Unternehmen trafen sich zu einem Intensiv-Workshop. In einem dreitägigen Meeting wurden die gemeinsame Vertriebsstrategie und die dafür erforderlichen Schritte und Maßnahmen entwickelt. Infoteam wird in Deutschland, Schweiz und China Dienstleistung für Isagraf-Produkte anbieten. Als erstes Ergebnis der Kooperation wird momentan der „Cause & Effect“-Editor von Infoteam, ein Produkt für sicherheitsgerichtete Anwendungen, als Plug-in in die Isagraf-Technologie implementiert und damit Bestandteil der neuen Produktversion sein.


Im Juli 2011 hat Isagraf außerdem ihre Zusammenarbeit mit Epis, NXT-Control und Weidmüller im Zusammenhang mit der Erarbeitung einer Rahmenspezifika­tion für CANopen-Netze und in IEC 61499 programmierbare Geräte erklärt. Gibt es weitere Ansatzpunkte für gemeinsame Aktivitäten mit den beiden erstgenannten Libertypro-Verfechtern?
M. Schoeters: Gemeinsam mit NXT-Control sind weitere Aktivitäten zur SPS/IPC/Drives im November in Nürnberg geplant. Wir führen einen Hands-on-Workshop durch, zu dem jeder eingeladen ist, der mehr über die IEC 61499 erfahren möchte.

Ein Screenshot der Software OpenPCS 2012: Über die IEC-61499-Toolbox werden die Bausteine bzw. über den Block Selector (unteres Bild) vorgefertigte Systemelemente ausgewählt und wie gewünscht verbunden. Danach kann die Simulation gestartet werden

Herr Schemm, Ihr Vortrag ist überschrieben mit „IEC 61499 – Die neue IEC 61131-3?“ Glauben Sie tatsächlich an eine Ablösung eines derart eta­blierten Standards wie der IEC 61131-3, und wenn ja, bis wann?
C. Schemm: Wir sehen die IEC 61499 immer nur als Ergänzung, nie als Ersatz der IEC 61131-3. Und der Bedarf für eine solche Ergänzung ist auch künftig nicht in allen Anwendungen gegeben. Es liegt vor allem an den Werkzeugen, den Schritt von einer reinen IEC-61131-3-Steuerung zu einer vernetzten IEC-61499-Steuerung einfach und schmerzlos für den Anwender und Inbetriebnehmer zu gestalten.
Ein Beispiel: während die IEC 61131-3 die Maschinensteuerung übernimmt, könnte die IEC 61499 die Verriegelungen koordinieren und die Zusammenarbeit zwischen den Maschinen, beispielsweise mithilfe von IEC-61499-Funktionsblöcken. Die manuelle Implementierung von Verriegelungen und Messages entfällt damit.
Bei dem auf Isagraf-Technologie basierenden Produkt wird der Inhalt der IEC-61499-Funktionsblöcke weiterhin mithilfe der IEC-61131-3-Sprachen programmiert. Die Software unterstützt die Benutzung beider Standards in Applika­tionen für die Industrieautomatisierung.


Inge Hübner


Weitere Informationen unter
www.infoteam.de sowie
www.isagraf.com.



>>> Kommentar schreiben
>>> zur Comment Area