09. September 2011
Kleine Antriebe mit großer Präzision
Beitrag aus openautomation 4/2011
Maxon Motor, führender Anbieter von hochgenauen Antriebssystemen, feiert 2011 sein 50-jähriges Jubiläum. Seit Anfang dieses Jahres ist Eugen Elmiger der neue Vorsitzende der Geschäftsleitung. Die openautomation sprach mit ihm, welche Ziele er mit dem Spezialisten für Kleinantriebe hat.
Herr Elmiger, welche Aufgaben stehen bei Maxon Motor für Sie an?
Eugen Elmiger, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Maxon Motor: „1996 haben wir in China mit einem Umsatz von 50 € angefangen. Heute sind wir dort Marktführer im Bereich der Kleinstmotoren.“
Um in unserer Nische der hochpräzisen Antriebstechnik bis zu einer Leistung von 500 W weiterhin Erfolg zu haben, müssen wir fit bleiben und den Nutzen für unsere Kunden noch mehr ins Zentrum stellen. Optimierungsmöglichkeiten gibt es an der einen oder anderen Stelle auch bei uns. Beispielsweise werden wir künftig die Anwendungsmöglichkeiten unserer Produkte noch stärker in den Vordergrund stellen und die neuen
E-Plattformen intensiver nutzen.
Ihre Hauptmärkte sind die Industrieautomation und die Medizintechnik. Gibt es andere Bereiche, die Sie stärker fokussieren wollen?
E. Elmiger: Sicherlich schauen wir uns nach neuen Märkten um, um uns noch breiter aufzustellen. Zurzeit ist unser stärkstes Standbein die Medizintechnik. Dort erwirtschaften wir ca. 40 % unseres Gesamtumsatzes, gefolgt von der Industrieautomation und der Mess- und Prüftechnik. Die Industrieautomation, insbesondere der Halbleitermarkt, hat sich bis heute noch nicht völlig von der Wirtschaftskrise erholt.
Genau für diesen Markt bieten wir bereits heute vielversprechende Antriebslösungen für die nächste Generation von Bestückungsautomaten an. Diese neuen Produkte, die sogenannten Dreh-Hubantriebe, kommen aber auch in der Medizin- und der Messtechnik zum Einsatz.
Zudem haben wir unseren Schwerpunkt auch in Richtung „extreme Bedingungen“ verschoben. Die bürstenlosen Antriebssysteme verrichten ihren Dienst unter schwersten Bedingungen, zum Beispiel bei Umgebungstemperaturen bis über 200 °C und Schlägen bis 100 g (die 100-fache Erdbeschleunigung). Die Tiefbohrtechnik ist ein Anwendungsgebiet dieser äußerst robusten und zuverlässigen Antriebe. Hinzu kommt, dass wir die systemrelevanten Antriebskonzepte, respektive die Mechatronik, weiter vorantreiben wollen. Schließlich bieten wir bei der Antriebstechnik alles aus einer Hand – von der Elektronik, den Motoren, den Getrieben, den Gehäusen bis zum Softwareengineering.
Außerdem ist der Markt der Luft- und Raumfahrt als Treiber von technologischen Entwicklungen seit Jahren in unserem Fokus. Wir waren auf dem Mars oder auf Asteroiden. Und wir wollen weiter.
Der bürstenlose DC-Motor EC 22 HD leistet 80 W in Luft und 240 W in Öl und ist für einen Temperaturbereich von –55 °C bis 200 °C, Drücke bis zu 1 700 bar, Vibrationen bis zu 25 grms sowie Schläge und Stöße bis 100 g ausgelegt
E. Elmiger: Die Nischenprodukte für diesen Spezialmarkt machen weniger als 5 % unseres Umsatzes aus. Für eine eigene Business Unit braucht es einiges mehr. Um die hohen Anforderungen unserer Kunden erfüllen zu können, bedienen wir uns unserer professionellen Projektteams aus Verkauf, Entwicklung und Produktion. Diese Experten kennen die hohen Anforderungen der Luft und Raumfahrt und wissen, wie sie diese profesionell im Netzwerk zu erfüllen haben. Wir sehen hier natürlich große Wachstumschancen. Wenn es soweit ist und die Märkte auf den fernen Planeten überproportional wachsen, werden wir entscheiden.
Wie hat sich Maxon Medical eigentlich inzwischen entwickelt?
E. Elmiger: Die nach ISO-13485-zertifizierte Business Unit, die alle Antriebe enthält, die kleiner als 10 mm sind, hat zurzeit einen Anteil im zweistelligen Prozentbereich am Gesamtumsatz. Sie entwickelt sich weiterhin sehr gut. Dementsprechend wollen wir den Umsatz in den nächsten fünf Jahren verdoppeln.
Aber nicht nur der Bereich Maxon Medical entwickelt sich gut. Die Krise von 2009 konnten wir 2010 mit einem Rekordergebnis mehr als wettmachen und so wie es aussieht, sind wir auch in diesem Jahr auf einem guten Kurs. Im ersten Quartal 2011 lagen die Umsätze in allen Monaten über den Zahlen von 2010. Das Geschäft läuft immer noch auf Hochtouren, aber der überbewertete Franken und die steigenden Rohstoffpreise drücken auf die Margen.
Wie steht es mit der internationalen Ausrichtung von Maxon Motor? Bisher erwirtschaften Sie rund 10 % ihres Umsatzes in Asien. Soll dieser Anteil ausgebaut werden? Schließlich haben Sie Ende letzten Jahres eine Tochtergesellschaft in Indien gegründet.
E. Elmiger: Der wesentliche Grund für die Gründung der Tochtergesellschaft war, den Markt direkter bedienen zu können. Große Umsatzsprünge erwarten wir dadurch nicht. Das Potenzial ist bei weitem nicht so groß wie in China, wo wir 1996 mit einer eigenen Niederlassung gestartet sind. Im ersten Jahr hatten wir dort einen Umsatz von 50 €. Heute sind wir im Reich der Mitte führend im Markt der Kleinstmotoren.
Sollen demnächst noch weitere Tochtergesellschaften gegründet werden?
E. Elmiger: Ja, in den nächsten beiden Jahren wollen wir weitere Tochtergesellschaften etablieren. Genaueres verkünden wir aber erst, wenn es wirklich spruchreif ist.
In welchen Regionen erwarten Sie in nächster Zeit das stärkste Wachstum?
E. Elmiger: Die größten Wachstumsraten sehe ich ganz klar in China – obwohl wir dort schon Marktführer sind – aber auch in Südkorea. Zudem gibt es auch in Europa noch einige Länder, in denen wir unseren Marktanteil signifikant verbessern können, so auch im deutschsprachigen Raum.
Die Industrieversionen RE 50 und RE 65 sind, wie alle Maxon-Produkte, im Baukastensystem mit Getriebe, Encoder und Bremse kombinierbar. Neu dazu gekommen ist die Permanentmagnet-Bremse AB 44
E. Elmiger: Unter anderem werden wir die Familie der Heavy-Duty-Motoren, die wir im letzten Jahr auf den Markt gebracht haben, weiter ausbauen. Bisher gibt es die robusten Motoren, die beispielsweise in der Schifffahrt sowie bei der Ölförderung eingesetzt werden, nur bis zu einem Durchmesser von 22 mm. Aber auch bei den Miniaturantrieben wird es etwas Neues geben. So integrieren wir den kleinen Mile-Encoder in die 6-mm-Antriebe. Zudem beabsichtigen wir die verfügbare Palette an Busschnittstellen für unsere Antriebe um Ethercat zu erweitern. Außerdem bieten wir demnächst eine noch breitere Palette an sterilisierbaren bzw. autoklavierbaren Antriebssystemen an. Diese können sehr nahe am Körper oder im Körper zum Einsatz kommen.
Die Ausstattung der Mars-Roboter mit ihren Antrieben war ja ein prestigeträchtiger Auftrag. Machen Sie sich demnächst wieder auf den Weg ins All?
E. Elmiger: Ja, die Nasa-Projekte haben uns viel Renommee eingebracht und uns Türen in der Luft- und Raumfahrt geöffnet. Die Roboter Spirit und Opportunity sollten den Mars eigentlich nur drei Monate erforschen und erfüllten diese Aufgabe auf dem Mars im April 2004. Nach gut sieben Jahren fährt der Roboter Opportunity immer noch auf unserem Nachbarplaneten herum. Demnächst sind wir bei Exomars, dem nächsten Mars-Projekt der Nasa und der ESA, wieder mit dabei.
Aber auch hier auf der Erde gibt es sehr interessante Projekte. Beispielsweise arbeiten wir mit mehreren internationalen Hochschulen an humanoiden Robotern, die nicht nur 16 oder 32 Freiheitsgrade haben, sondern gleich 200 bis 300. Dementsprechend viele Maxon-Antriebe sind dann darin enthalten. Da die vielen Leitungen nur stören würden, arbeiten viele kluge Köpfe an der Frage, wie sich diese Komponenten drahtlos steuern lassen. Ich denke, dass wir das Ergebnis in ein paar Jahren präsentieren können.
Ein Thema, welches gerade bei der Antriebstechnik eine große Rolle spielt, ist die Energieeffizienz. Wie sieht es diesbezüglich bei ihren Kleinantrieben aus?
E. Elmiger: In diesem Bereich ist die Energieeffizienz vor allem bei batteriebetriebenen Geräten von großer Bedeutung. Wir betrachten dabei das Gesamtsystem aus Motor, Getriebe sowie Sensorik und wollen dessen Zusammenspiel optimieren. Dabei kommt es neben der elektrischen vor allem auch auf die mechanische Konstruktion an. Hier spielen sowohl die Werkstoffe und deren Oberflächen als auch intelligentes Energiemanagement eine Rolle.
Wo sehen Sie in der Produktpalette von Maxon Motor noch Ergänzungsmöglichkeiten?
E. Elmiger: Wir haben heute ein sehr breites Programm an bürstenbehafteten DC-Motoren. Bei den bürstenlosen Antrieben gibt es hingegen noch kleine Bereiche, die wir ausbauen wollen. Beispielsweise arbeiten wir an bürstenlosen Motoren und Getriebe in Heavy-Duty-Ausführung, die mindestens in einem Temperaturbereich von –130 °C bis 200 °C zuverlässig arbeiten. Ein weiterer Bereich sind die autoklavierbaren beziehungsweise sterilisierbaren Antriebssysteme.
Dabei bleiben wir jedoch unserer Strategie treu, Antriebe nur bis zu einer Leistung von 500 W zu bauen. Von der Größe her werden unsere 6-mm-Motoren vielleicht noch etwas kleiner werden, aber nur 1 mm bis 2 mm. Alles darunter macht für uns heute keinen Sinn. Schließlich wollen wir mit unseren Antrieben etwas bewegen.
Frank Nolte
Weitere Informationen unter www.maxonmotor.com.
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