09. September 2011
Automobilindustrie: Zahlen, Daten, Trends
Beitrag aus openautomation 4/2011
Nach aktuellen Zahlen des VDA befindet sich die deutsche Automobilindustrie nach dem Absturz in 2009 in diesem Jahr auf Rekordkurs. Neue Trends und eine starke Nachfrage aus dem Ausland sorgen für ein rasantes Wachstum.
Matthias Wissmann, Präsident des VDA
Im ersten Halbjahr haben die deutschen Hersteller im Inland rund 3 Mio. Pkw gefertigt (plus 5 %) – ein neuer Höchststand. Die Kapazitätsauslastung in der gesamten deutschen Automobilindustrie beträgt 89 %, bei den Pkw-Herstellern 92 %. Die Auftragsbücher sind „gut gefüllt“, der inländische Auftragseingang stieg im ersten Halbjahr um 15 %. M. Wissmann betonte: „Die Wachstumsdynamik in der Pkw-Produktion wird sich im weiteren Jahresverlauf etwas verlangsamen, allerdings auf hohem Niveau. Für das Gesamtjahr 2011 rechnen wir mit einem Produktionsvolumen von über 5,9 Mio. Pkw. Das würde auch das Volumen des bisherigen Rekordjahres 2008 toppen.“
Weltweit ist die deutsche Automobilindustrie gut aufgestellt: In China stieg der Marktanteil im dritten Jahr in Folge; aktuell liegt er bei 21 %. Es wird erwartet, dass der chinesische Markt 2011 um 8 % steigt. Der indische Pkw-Markt konnte im bisherigen Jahresverlauf um gut 18 % zulegen. In Brasilien erhöhte sich die Nachfrage seit Jahresbeginn um mehr als 7 %. In Russland legte der Absatz, bedingt durch das dortige Prämienprogramm, um 60 % auf beinahe 1 Mio. Einheiten zu. Auch in den USA wachsen die deutschen Hersteller schneller als der Markt – und das bereits im siebten Jahr in Folge: Im ersten Halbjahr 2011 haben sie den Absatz von Light Vehicles (Pkw und Light Trucks) um 17,3 % auf rund 490 000 Einheiten gesteigert, während der Gesamtmarkt um 12,7 % zulegte.
Trends zur IAA 2011
Eine solch positive Entwicklung ist im Jahr des 125. Geburtstags des Automobils besonders erfreulich. Damit scheint auch die diesjährige IAA unter einem guten Stern zu stehen. „Das wird eine starke IAA – mit mehr Ausstellern, mehr Besuchern und noch mehr Innovationen. Hersteller aus den USA und Asien, die 2009 krisenbedingt nicht dabei sein konnten, werden wieder ausstellen. Auch der Zulieferbereich wird wieder stärker aufgestellt sein“, sagte M. Wissmann, im Vorfeld der Messe. Insgesamt werden vom 15. bis 25. September in Frankfurt/M. rund 900 Aussteller erwartet. Die belegte Ausstellungsfläche beträgt ca. 210.000 qm und damit 15.000 qm mehr als 2009. „Wir werden Innovationen bei der Optimierung klassischer Antriebe – Clean Diesel und Benziner – sehen, bei Hybrid- und Elektrofahrzeugen sowie beim Wasserstoffantrieb. Neben der konsequenten weiteren Reduzierung des Verbrauchs und damit der CO2-Emissionen stehen neuartige Assistenzsysteme im Vordergrund, die das Autofahren noch sicherer und komfortabler machen“, nennt M. Wissmann Messe-Highlights.
Innovationen als Erfolgsgarant
Klaus Bräunig,Geschäftsführer des VDA
„Insbesondere die Zulieferer haben einen entscheidenden Anteil an den Innovationen, die den Markterfolg deutscher Modelle auf den Weltmärkten ausmachen“, sagte Klaus Bräunig, Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie (VDA), auf dem 13. Baika-Jahreskongress „Zulieferer Innovativ“ im Audi-Forum in Ingolstadt. Das Ziel der CO2-Minderung werde mit zahlreichen Instrumenten nachhaltig verfolgt. Dazu zählten energieeffiziente LED-Leuchten, die Gewichtsreduzierung im Antriebsstrang und Fahrwerk, die Verringerung des Rollwiderstands bei Pkw- und Lkw-Reifen sowie die Emissionsreduzierung mittels geringerer Reibungsverluste, höherer Dichtigkeit und eine Minimierung des Ölvolumenstroms durch geeignete Dichtungen. Er stellt heraus: „CO2-Minderung besteht nicht nur in der Entwicklung alternativer Antriebe – etwa dem Elektroauto oder der Brennstoffzelle –, sondern der konsequenten Effizienzsteigerung vieler Teile und Komponenten in den klassischen Antrieben, also beim Clean Diesel und beim Benziner.“

Produktionszahlen aus dem Automobilbau der letzten beiden Jahre (Quelle: VDA)
Die globale Nachfrage nach individueller Mobilität werde auch in Zukunft weiter steigen. „Drei von vier Autos, die in Deutschland gebaut werden, gehen in den Export. Und jedes zweite Auto, das die deutsche Automobilindustrie jährlich fertigt, wird an internationalen Standorten produziert. Die deutschen Zulieferer profitieren von globaler Aufstellung – drei Viertel der Wertschöpfung eines Autos kommen von den Entwicklungspartnern der Hersteller“, so K. Bräunig.
Nach Ansicht des VDA-Geschäftsführers bleibt Technologie auch zukünftig das zentrale Differenzierungsmerkmal für die deutschen Zulieferer: „Die Zukunftstechnologien liegen im Bereich der effizienten Antriebe, in der Elektrifizierung des Antriebsstrangs, in der Batterietechnologie – aber eben auch in der Entwicklung kleinerer, hoch aufladbarer Verbrennungsmotoren mit weniger Verbrauch“, lautet seine Einschätzung.
Herausforderungen der Automobilindustrie
„Die Welt der Automobilindustrie hat sich durch die Krise verändert – und die Erfolgsfaktoren dieser neuen Welt unterscheiden sich stark von den Erfolgsfaktoren in der Krise“, sagt Thomas Sedran, Managing Director bei Alix-Partners. Sein Unternehmen hat Mitte des Jahres die Studie Automotive Outlook 2011 herausgebracht. „Die Mehrzahl der US-Unternehmen hat ihre Kapazitäten und Fixkosten bereits an die neuen Realitäten angepasst. Die Europäer haben diese Aufgabe noch vor sich; sie müssen ihre Produktions- und Kostenstrukturen mit den reduzierten Absatzerwartungen in den Kernmärkten und der Volatilität in den Schwellenländern in Einklang bringen. Gleichzeitig müssen sie eine Reihe grundsätzlicher und teurer Entscheidungen treffen – angefangen beim künftigen Antriebsstrang bis hin zu ihrem Engagement in möglichen Wachstumsmärkten. Alle technologischen Entwicklungen gleichzeitig verfolgen und jeden Markt bedienen zu wollen, ist Wunschdenken; hier müssen in verhältnismäßig kurzer Zeit weitreichende Entschlüsse gefasst werden“, sagt er weiter.
Für die Autoren der Studie ist die fast vollständige Konvergenz der Branche eines der auffallendsten Kennzeichen der neuen Automobilindustrie: Zentrale Leistungsparameter der Branche befinden sich weltweit auf einem zunehmend gleichen Niveau. Das betrifft Kosten, Qualität, Produktionsprozesse, Lieferketten, Management-Expertise und die Kapitalrendite. Das Ergebnis dieser Branchen-Konvergenz, so die Studie, ist eine weltweite Wettbewerbsparität, die von den Unternehmen neue Differenzierungen erfordert, um künftig erfolgreich zu sein. Solche Differenzierungen können beispielsweise kundenfokussierte Innovationen sein, intelligente weltweite Allianzen oder ein sorgfältiges Branding. Vielleicht am wichtigsten ist der Fokus auf Geschwindigkeit, um entweder zu den Innovationsführern zu gehören oder zu den Fast-Followern.
Auch regional haben sich die Gewichte verschoben. Die Studie zeigt, dass der Großteil des Wachstums bereits jetzt außerhalb der Triade von Westeuropa, Nordamerika und Japan liegt. Der globale Automarkt wird 2011 auf 76 Mio. Einheiten wachsen (+10 % über Vorkrisenniveau). Alix-Partners prognostiziert, dass diese Zahl bis 2015 auf 96 Mio. anwachsen wird. „Eins ist sicher,“, sagt T. Sedran, „Schwellenländer haben sich von reinen Billiglohn-Standorten und Teilelieferanten zu erstrangigen Märkten entwickelt, in denen auch erstrangige Wettbewerber zuhause sind. Nicht so sicher ist, welche dieser Märkte dauerhaft wachsen und welche eher volatilen Schwankungen unterliegen werden. Momentan liegen die Hoffnungen wieder einmal auf Russland – aber auch Brasilien war einmal in dieser Rolle und hat die Erwartungen über viele Jahre nicht erfüllt. Unternehmen, die in diesen Märkte investieren, sollten auf Rückschläge gefasst sein und hinreichend Reserven und Flexibilität einbauen, zum Beispiel hinsichtlich der Finanzierung dieser Aktivitäten.“
Inge Hübner
Weitere Informationen unter
www.alixpartners.com,
www.vda.de.
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