29. April 2011
Automobilindustrie im Umbruch
Beitrag aus openautomation 3/2011
Geopolitische Veränderungen, demografischer Wandel, Nachhaltigkeit, die Weiterentwicklung von Mobilität und Technologien: Das sind fünf Megatrends, die die weltweite Automobilindustrie in den kommenden 15 Jahren grundlegend verändern werden. Daraus resultieren die zehn zentralen Ergebnisse, die die Studie „Automotive Landscape 2025“ von Roland Berger Strategy Consultants aufzeigt. In Summe bedeutet das: Die Automobilindustrie steht vor dem größten Wandel ihrer Geschichte.
„Der regionale Schwerpunkt der Industrie wird sich verlagern“, sagt Wolfgang Bernhart, Partner bei Roland Berger Strategy Consultants. „Die Kerntechnologien im Automotivebereich werden sich verändern; neue Geschäftsmodelle und Organisationsstrukturen werden entstehen. Auch Mitarbeiter müssen neue Anforderungen erfüllen“, ist die Erkenntnis des Mitautors der Studie.
Asien im Fokus
„Automotive Landscape 2025“ prognostiziert eine starke Verschiebung des Automotivegeschäfts in Richtung asiatische Märkte. Davon werden nicht nur die Produktionsstandorte betroffen sein, sondern auch der Vertrieb. So wird ein erheblicher Teil der Kunden künftig aus Asien stammen und Produkte nachfragen, die auf ihre speziellen Bedürfnisse zugeschnitten sind. Diese Entwicklung gefährdet rund 300.000 Arbeitsplätze in Europa“, fügt Autoexperte W. Bernhart hinzu. Dies entspricht einem Rückgang um 9 %. Dabei geht es hauptsächlich um Arbeitsplätze in der Automobilproduktion. Diese Entwicklung wird beschleunigt durch die Schwierigkeit der Automobilindustrie in Europa und den USA, genügend qualifizierte Ingenieure und Fachkräfte rekrutieren zu können. Dafür müssen die Firmen voraussichtlich auf Fachpersonal aus anderen Ländern zurückgreifen.
Kleine und kostengünstige Autos gewinnen an Bedeutung
Aufgrund der starken Nachfrage aus Asien nimmt der Anteil an kleinen und kostengünstigen Fahrzeugen zu. Das Kleinwagensegment wird aber auch in gesättigten Märkten als Folge eines Wertewandels wachsen. Mit steigender Bevölkerungszahl und zunehmendem Wohlstand gibt es bis 2025 natürlich auch mehr Autobesitzer. Reife Märkte, wie Nordamerika und Europa, werden unter dem globalen Durchschnittswert von 1 % Jahreswachstum bleiben. Doch vor allem in den BRIC-Märkten steigt der Wunsch nach individueller Mobilität. So sorgen diese Märkte insgesamt für 83 % des künftigen Marktwachstums. Allein in China steigt die Zahl der Autobesitzer jährlich um 36 %.

Vertrieb und Produktion von kostengünstigen Autos werden zunehmend in die BRIC-Staaten verlagert: China wird bis 2025 deutlich Anteile hinzu gewinnen (Quelle: Roland Berger)
Zur gleichen Zeit verlieren Autos bei der jüngeren Generation in Industrieländern an Prestige. „Ausgehend von einer Entwicklung in den Industrienationen werden sich die Werte radikal ändern. Für jüngere Menschen wird das Auto immer weniger ein Statussymbol darstellen“, ist Philipp Grosse Kleimann, Partner bei Roland Berger Strategy Consultants und Co-Autor der Studie, überzeugt. Er belegt dies an einem Beispiel von japanischen Studenten, die ein Interessenranking abgegeben haben. Danach belegt das Auto bei ehemaligen Studenten, die heute zwischen 40 und 59 Jahre alt sind, Platz 7. Bei solchen, im Alter von 20 bis Ende 30 belegt das Auto Platz 10 und bei zukünftigen Studenten nur noch Platz 17. „In den großen Metropolen wird der Besitz eines eigenen Autos nicht mehr notwendig sein, um von A nach B zu kommen. Es entsteht bereits heute ein Trend zur Demotorisierung“, sagt P. Grosse Kleimann weiter. Mobilitäts-Ökosysteme, wie Carsharing, werden die Nachfrage nach Autos und anderen Fortbewegungsmitteln, zum Beispiel Elektrofahrräder, bedienen.
Elektrifizierung und Internet
Elektroautos gewinnen weltweit an Relevanz: Zwar sorgen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor 2025 immer noch für 50 % des Umsatzes in der Branche, aber bereits 10 % des Neufahrzeugabsatzes entfallen dann auf Elektroautos, 40 % auf Hybridfahrzeuge. „Der steigende Anteil elektrischer Antriebe wird die aktuelle Wertschöpfungskette des Mobilitätssektors nicht nur für Erstausrüster (OEM) und Zulieferer, sondern auch für Stromversorger und Drittanbieter verändern“, sagt Berger-Partner W. Bernhart.
Doch auch die Möglichkeit, als Fahrer immer online zu sein und portable Endgeräte mit dem Steuerungssystem des Autos zu verbinden, zählt zu den zukünftigen Erfolgsfaktoren. „Konnektivität spielt für die jüngere Generation eine immer wichtigere Rolle – always online, always connected. Dies wird zu einem Zusammenrücken von Automobil- und IT-Industrie führen“, so P. Grosse Kleimann. Dabei wird der sich der „Always online“-Trend von früher E-Commerce über heute Social Media hin zu Cloud Services verschieben.
Neue Geschäftsmodelle
Diese Veränderungen erfordern eine Anpassung des Geschäftsmodells der Automobilindustrie: „Die Automotivebranche wird vielfältige Partnerschaften mit Unternehmen aus anderen Bereichen eingehen, um Zugang zu Technologien und Kunden zu erhalten und sich Skaleneffekte zu sichern“, sagt Marcus Hoffman, Principal bei Roland Berger und ebenfalls Co-Autor der Studie. Bei diesen neuen Geschäftsmodellen geht es nicht allein um den Vertrieb, sondern auch zum Beispiel um die Integration von Hard- und Software in die Fahrzeuge.
Dezentrale Unternehmensstrukturen
Um ein größeres Wachstum und einen leichteren Zugang zu den Ressourcen zu erreichen, führen Unternehmen in der Automobilbranche ihre Strukturen zunehmend dezentral. Sie werden sich glo/cal strukturieren – eine Kombination aus globaler Reichweite und der Anpassung an lokale Bedürfnisse und Gesetze. Unter Zulieferern wird die Konsolidierung weiter zunehmen. Gleichzeitig entstehen neue Hersteller – aus der Autoindustrie heraus und von anderen Industriezweigen kommend.

Die Anzahl der Haupt-OEM hat über die letzten Jahre abgenommen – für die Zukunft ist ein Wiederanstieg jedoch möglich (Quelle: Automobilproduktion, University of London, Roland Berger)
Drei Szenarien für die Zukunft
Aus den erwarteten Megatrends in der Automotivebranche haben die Autoren der Studie drei Szenarien für das Jahr 2025 hergeleitet:
- das Hightech-Szenario: Es prognostiziert eine starke Entwicklung des Autos in Richtung Konnektivität: Eine permanente Verbindung mit dem Internet und eine personalisierte IT-Schnittstelle ermöglichen es dem Fahrer, zahlreiche zusätzliche Funktionen zu nutzen und mehr Komfort beim Fahren zu erreichen.
- das Sparszenario: Es sieht eine Welt vor, in der die Kaufkraft der Kunden aufgrund des Steuerdrucks, der steigenden Inflation sowie des geringen Einkommenswachstums stark beeinträchtigt ist. Autos sind weniger erschwinglich und die Ausgaben für Fahrzeuge konkurrieren mit weiteren wichtigen Ausgaben.
- das Nachhaltigkeitsszenario: Es beschreibt eine Welt, in der das Verbraucherverhalten stark durch Vorschriften, Gesetze und Steuern, aber auch durch Bewertungen über umweltfreundliche Automodelle beeinflusst wird.
Unabhängig davon, welches Szenario tatsächlich eintreffen wird, müssen die Hersteller in den kommenden Jahren offen und flexibel bleiben.
Zusammenfassung
Die Veränderungen sind fundamental und wirken sich auf alle Unternehmen rund um die Automobilindustrie, also OEM, Zulieferer, Third Parties sowie neue und etablierte Player, aus. So wird ein drastischer Anteil an Produktion und Vertrieb in die asiatischen Märkte verlagert, schnell und stetig. Dabei werden in Asien kostengünstige Autos stark nachgefragt, ebenso wie A/B-Segment-Autos. Dieses Segment wird auch in reifen Märkten wachsen. In den entwickelten Ländern verlieren Autos bei der jüngeren Generation zunehmend an Prestige. In wichtigen urbanen Städten wird der Besitz eines Autos immer unrelevanter. Dabei kommt dem Elektroauto insgesamt eine größere Bedeutung zu: 50 % der Autos werden komplett elektrisch angetrieben oder mit einem Hybridantrieb ausgestattet sein. Viele Autos sind ständig via Internet online.
Zudem wird die Automobilindustrie mit anderen Industrien zusammenarbeiten. Darüber hinaus entstehen neue Geschäftsmodelle und Value-Chain-Partner, die den Staus quo verändern werden – vor allem immer dann, wenn sie aus anderen Industriezweigen als der Automobilindustrie stammen. Die Unternehmen entwickeln sich weg von zentralen Organisationen und arbeiten zunehmend glo/cal.
„Die Unternehmen müssen sich jetzt den Chancen und Herausforderungen stellen, damit sie ihre Zukunft profitabel gestalten können“, rät W. Bernhart.
Weitere Informationen unter www.rolandberger.com.
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