14. März 2011
Die Ex-fähige Innovationsstrategie
Beitrag aus openautomation 1-2/2011
Unternehmen, die auf mehr als 130 Jahre Firmengeschichte blicken, haben oftmals viele Wege beschritten und nicht selten auch profitable Nischen gefunden. So beispielsweise R. Stahl, ein führender Anbieter von Produkten und Systemen für den Explosionsschutz. Einen Weg hat das Unternehmen seit 1876 jedoch nie verlassen: den über Innovationen zum Erfolg. Vorstandsmitglied Dr.-Ing. Peter Völker gibt Einblick in die Erfolgsstrategie.
Dr.-Ing. Peter Völker, Vorstandsmitglied der R. Stahl AG sowie Geschäftsführer der R. Stahl Schaltgeräte GmbH
Die Strategie für weiteres Wachstum
„Im Wesentlichen sind es vier Elemente in unserer Firmenstrategie, die unser Wachstum und unsere Zukunftsfähigkeit sichern“, sagt Dr.-Ing. Peter Völker, Vorstandsmitglied der R. Stahl AG sowie Geschäftsführer der R. Stahl Schaltgeräte GmbH. Er benennt diese mit: „Systemlösungen, Innovationen, weitere Internationalisierung und Erschließung neuer Branchen.“ Gegangen wird dieser Weg zum einen aus eigener Kraft und zum anderen über Akquisitionen. „Akquisitionen bieten immer eine Wachstumsoption, die wir auch zukünftig nutzen werden. Sie sind Bestandteil unserer Firmenstrategie”, so der Technikvorstand. Auch diese Vorgehensweise ist nicht neu, sondern lässt sich über die gesamte Firmengeschichte zurückverfolgen. Dabei gibt er zu: „Früher waren manche Zukäufe sicherlich eher auch einmal chancengetrieben, heute sind sie strategisches Element.“
Führende Position bei HMI ausgebaut
T-Ex-Serie: HMI mit 22-Zoll- bzw. 24-Zoll-Displays und LED-Backlight-Technologie für moderne Prozessleitsysteme im Ex-Bereich
Die ersten produktseitigen Früchte wurden bereits auf der SPS/IPC/Drives in Nürnberg präsentiert: die HMI der Serie T-Ex mit Widescreen-Display und LED-Backlight-Technologie. Sie sind mit 22-Zoll- oder 24-Zoll-Displays ausgestatteten und bieten Auflösungen von 1.680 × 1.050 Pixel bzw. 1.920 × 1.080 Pixel. „Mit diesen Geräten entsprechen wir dem Wunsch vieler Anlagenbetreiber, die mehr Informationen erhalten und diese beispielsweise über umfangreiche grafische Darstellungen auf dem Display visualisieren möchten – und diese optimal unter verschiedenen Blickwinkeln und Lichtverhältnissen ablesen wollen”, sagt der promovierte Elektrotechnikingenieur. Die T-Ex-Terminals sind Atex- und IECEx-zertifiziert für die Zonen 1, 2, 21 und 22.
„Die Terminals, die die neuesten Versionen von Prozessleitsystemen verschiedener Hersteller unterstützen, verdeutlichen in idealer Weise unsere Zielrichtung: Erfolg als Technologievorreiter“, sagt Dr. P. Völker. Wichtig sei es in diesem Zusammenhang immer, den Kundenwunsch zu verstehen und erfolgreich in Produkte umzusetzen. Dr. P. Völker: „Wir wollen nicht nur dem Markt folgen, sondern diesen mitbestimmen.“
„Basis für den Erfolg eines Produkts ist Kundenzufriedenheit“, ist seine Überzeugung. Und die scheint mit Blick auf die T-Ex-Terminals richtig. Denn er fügt an: „Wir haben bereits erste Aufträge mit unseren T-Ex-Terminals im Widescreen-Format abgewickelt.”
Neue Display-Technologie
Neu zur Hannover Messe: „Sunlight readable“-Displays: Mit mehreren Polarisationsfiltern übereinander lenken die Displays selbst stark strahlendes Sonnenlicht wirksam ab – ohne zu starke Abdunklung des LED-Backlights
In Hannover wird zunächst das Modell ET-436 aus der Open-HMI-Familie mit der neuen Display-Technologie und 15-Zoll-Display-Diagonale präsentiert. Mit einem Intel-Atom-Prozessor ausgerüstet, kann das Gerät im Dauerbetrieb bei bis zu 50 °C mit voller Systemleistung eingesetzt werden. Es ist für die Gas- und Staub-Ex-Zonen 1, 2, 21 und 22 zertifiziert.
Mit Signalgeräten auf Platz 2 in Europa
Eine weitere Akquisition im letzten Jahr war die der britischen Clifford & Snell. „Mit dieser Akquisition sind wir mehreren Elementen in unserer Entwicklungsstrategie gefolgt: Neben den Produkten bringt der neue Partner Entwicklungs-Know-how sowie Vertriebskanäle mit ein“, verdeutlicht der Technikvorstand. Das Unternehmen ist Spezialist für Signalgeräte sowohl für den industriellen Einsatz als auch für den im Ex-Bereich. Damit haben die Waldenburger ihre Produktpalette der Signalgeräte komplettiert und nehmen mit diesen nach eigenen Angaben Platz 2 in Europa ein. Außerdem werden hierdurch Umsatzsteigerungen erwartet. „Mittelfristig planen wir, den Umsatz im Segment für Signalleuchten durch die Übernahme von Clifford & Snell zu verdoppeln, langfristig sogar zu verdreifachen“, informiert Dr. P. Völker.
Breite Produktpalette
Sowohl bei den HMI als auch bei den Signalgeräten wird deutlich, dass sich
R. Stahl zwar als Spezialist im Ex-Bereich positioniert, Produkte aber auch in industrielle Anwendungsbereiche liefert. Als weitere Besonderheit seines Unternehmens führt der Technikvorstand die breite Produktpalette an. Diese umfasst neben den genannten Produktgruppen Beleuchtung, Sicherheitsbarrieren, Trennstufen, Installationsgeräte, Remote IO, Feldbustechnik, Befehls- und Meldegeräte, Kamera- und Videosysteme, Heizungskomponenten, Energieverteilungen usw. „Dabei ergeben sich für den Kunden nicht allein Vorteile aufgrund der Produktvielfalt, sondern vor allem auch aus den dadurch realisierbaren Systemlösungen“, so der Experte. „Die Technik verzahnt sich immer mehr. Aus diesem Grund erhält der Kunde oftmals den größten Benefit, wenn er eine Systemlösung aus einer Hand bekommt“, ist seine Erfahrung.
Als Beispiel nennt er Projekte, die R. Stahl für sich verbuchen konnte, weil die Spezialisten hierfür sowohl die Energieverteilung als auch die Automatisierungstechnik liefern konnten. „Die klassische Trennung von Schaltgeräten und Installationstechnik auf der einen und Automatisierungstechnik auf der anderen Seite gibt es heute fast nicht mehr. Und dieser Trend des Ineinandergreifens wird sich fortsetzen. Entsprechend werden wir unser Angebot dahingehend weiter ausbauen.“ Als ein interessantes Feld nennt er Funklösungen, die immer mehr auch in der Prozessindustrie an Bedeutung gewinnen. Keine Ausweitung ist hingegen in Richtung Ex-Motoren oder Sensoren und Aktoren geplant. „Diese Segmente sind belegt und zu weit von unserer eigentlichen Kernkompetenz entfernt“, erklärt er.

Das RFID-basierte Lokalisierungssystem ermöglicht auch in Ex-Bereichen die Standortbestimmung von Personen, Fahrzeugen und anderen mobilen Betriebsmitteln
Neue Pfade beschreiten
Prinzipiell vertritt der ehemalige Entwicklungsleiter die Ansicht: „Man muss den Mut haben, etwas auszuprobieren.“ Gemeint ist damit, sich für Vorschläge von Kundenseite zu öffnen, die nicht unmittelbar in der Entwicklungs-Roadmap abgebildet sind oder von vornherein hohe Verkaufserlöse versprechen. Als Beispiel nennt er das RFID-basierte Lokalisierungssystem, das in Nürnberg vorgestellt wurde. Dabei handelt es sich um eine Lösung zur Echtzeitlokalisierung von Betriebsmitteln und Personen durch Funksignale. „Das ist die jüngste Ergänzung unseres IS-Wireless-Programms“, informiert Dr. P. Völker. Das System besteht aus eigensicheren aktiven RFID-Tags und zugehörigen Controllern. Letztgenannte sind im druckfest gekapselten Gehäuse in Schutzart IP66 ausgeführt und für die Installation in Zone 1, 2, 21 und 22 geeignet. Die Tags sind in Schutzart IP67 konstruiert und können in explosionsgefährdeten Bereichen der Zone 0, 1, 2 bzw. 20, 21, 22 verwendet werden. Sie senden ihre Kennungen kontinuierlich im lizenzfreien ISM-Band (2,45 GHz) in einstellbaren Intervallen zwischen 1 s und 60 s. Bei Bedarf ist die Sendefunktion abschaltbar. Jeder Transponder kann zudem mit 112 Byte zusätzlichen Nutzdaten beschrieben werden.
„Lokalisierungssysteme basieren in der Regel auf RFID- oder GPS-Technologie. Wir haben uns aus mehreren Gründen für eine RFID-Lösung entschieden“, so Dr. P. Völker. Als ersten Vorteil führt er an, dass solche Systeme gleichermaßen für die Indoor- und Outdoor-Nutzung geeignet sind. „Außerdem sind die erforderlichen Komponenten kostengünstiger als industrietaugliche GPS-Elektronik“, sagt er. Daneben hält der Experte die Verwendung aktiver Tags für die flexibelste und die für den Großteil aller prozesstechnischen Anlagen am besten geeignete Lösung. Er verdeutlicht: „Datenübermittlung und -empfang im Freien sind über mehr als 100 m möglich. Auch in Gebäuden passieren Signale aktiver Tags große Entfernungen – und das sogar durch Wände hindurch.“ Dabei stellt er heraus: „Die Kosten pro Einheit liegen bei RFID-basierten Lokalisierungssystemen klar unter denen von GPS-Sendern in Industrieausführung.“
Die bisherige Resonanz auf das neue Tracking-System gibt der Vorstand mit „sehr hoch“ an. Er schränkt aber ein: „Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch zu früh, Rückschlüsse auf den letztendlichen Erfolg dieses Produkts zu ziehen. Der Kundenkreativität sind im Einsatzbereich kaum Grenzen gesetzt. Je nach Einfallsreichtum können sich hier ungeahnte Möglichkeiten für beide Seiten auftun.“

Die Weiterentwicklung des Remote-IO-Systems IS1 richtet R. Stahl an den aktuellen Trends in der Prozessindustrie aus. Ein Thema mit weitreichendem Innovationspotenzial stellt Industrial Ethernet dar
Weitere Highlights
Ein weiteres, noch vergleichsweise junges Feld mit großem Potenzial innerhalb der R. Stahl-Produktpalette sind Kameras für den Ex-Bereich. Sie ermöglichen jederzeit den Blick in die Anlage, in Tanklager oder die Prozesse auf einer Bohrinsel. Mit fortschreitender Technik dringen sie zudem in immer weitere Einsatzbereiche vor. Die Miniaturisierung und die Preisreduzierung sind hierbei wesentliche Faktoren, die sich positiv auswirken. Das derzeitige Spektrum an Farbbildkameras von R. Stahl reicht von kompakten Ausführungen über solche mit Schwenk-Neige-Kopf bis hin zu Autofokus-Zoom-Kameras. „Wir bieten aber nicht nur Kameras, sondern komplette Videoüberwachungssysteme, also auch Monitore, Software und Zubehör an – ganz im Sinn des Systemgedankens“, erklärt Dr. P. Völker.
Ein Produkt, das seine Notwendigkeit nicht mehr unter Beweis stellen muss, sondern sich bereits in vielen Branchen bewährt hat, ist das Remote-IO-System IS1. Bei dessen Weiterentwicklung folgen die Ex-Spezialisten aktuellen Trends in der Prozessindustrie, zum Beispiel Industrial Ethernet. Dr. P. Völker: „Bereits vor einigen Jahren haben wir unser IS1-System für Modbus TCP ertüchtigt. Anfang 2009 haben wir dann einen FF-HSE-fähigen IS1-Prototyp vorgestellt. Themen des letzten Jahres waren Ethernet/IP und außerdem die Profibus-Slave-Redundanz. Für dieses Jahr steht Profinet auf unserer To-do-Liste.“ Besondere Gewichtung wird auf das Foundation Fieldbus High Speed Ethernet (FF HSE) gelegt. An der Integration von Remote IO und auch Wireless-Technologien über FF HSE arbeitet die Fieldbus Foundation bereits seit 2007. „Hier leisten wir aktive Mitarbeit und sind federführend in der Evaluierungs-Arbeitsgruppe tätig, die bis Ende dieses Jahres Testinstallationen bei Endanwendern durchführt“, informiert das Vorstandsmitglied. Aktuell wurde das Remote-IO-System zudem um ein Zone-1-Pneumatikmodul erweitert: Das Digital-Output-Modul DOMV bietet einen elektronisch angesteuerten Ventilblock für acht pneumatische Steuerkreise. Auf der IS1-Schiene installiert, wird es über das IO-System versorgt und ist zudem direkt mit dem internen Daten- und Adressbus verbunden. Als wichtigen Vorteil stellt Dr. P. Völker heraus: „Durch die Modulbauweise erreichen wir eine deutlich höhere Kompaktheit als herkömmliche Ventilinseln sie bieten.“
Die Umsatz- und Branchenentwicklung
Die wichtigsten Abnehmerbranchen von R. Stahl-Produkten sind die Öl- und Gasindustrie sowie die Chemie, die Pharmazie und der Schiffbau. Nach Umsätzen wiegen die beiden erstgenannten Branchen mit jeweils rund 30 % nahezu gleich auf. In der Pharmazie werden ca. 18 % des Umsatzes generiert, in der Schiffsausrüstung/maritime Anwendungen 11 %. Wachstum weisen derzeit nahezu alle Branchen auf. „Allerdings muss man bei den Wachstumszahlen immer auch die Basis betrachten. Manche Branche, zum Beispiel die Chemie, ist in der Krise stark eingebrochen“, so Dr. P. Völker. Er spricht diesen Branchen zwar aktuell hohe Wachstumsraten zu, allerdings brauche es seine Zeit, bis sie auf Vorkrisenniveau zurückgekehrt sind. „Anders stellt sich die Situation in der relativ konstanten Pharmazie dar, die für uns während der Krise ein wichtiger Anker war“, sagt er weiter.
In Summe wird R. Stahl mit einem prognostizierten Jahresumsatz 2010 von 210 Mio. € bis 220 Mio. € knapp unter dem von 2008 liegen; 2011 diesen aber übertreffen. Dabei generiert das Unternehmen nach wie vor in Deutschland den größten Umsatzanteil (26 %); in Europa ohne Deutschland 47 %, in Amerika 11 % und 16 % im Raum Asien/Pazifik. „Für die nächsten Jahre erwarten wir uns in Ländern, wie China, Indien und Brasilien, große Potenziale“, sagt Dr. P. Völker.
In Brasilien ist R. Stahl bereits seit mehreren Jahren mit einem Partner vertreten. Dr. P. Völker: „Aufgrund unserer positiven Markteinschätzung wurde im letzten Jahr eine eigene Niederlassung gegründet. Neben der Öl- und Gasförderung werden sich in diesem Land zudem die verarbeitenden Prozesse ansiedeln, beispielsweise Raffinerien und Chemieanlagen. Dadurch ergeben sich wiederum Potenziale für unsere Produkte.“
Bezüglich der beiden anderen genannten Länder verweist er in China auf die eigene Produktions- und Vertriebsgesellschaft. „Hier werden einige einfache Montagetätigkeiten durchgeführt, aber keine kompletten Produkte hergestellt“, beschreibt er die dortige Strategie. Anders in Indien, wo das Unternehmen seit mehr als 20 Jahren mit einer eigenen Gesellschaft tätig ist. „Indien ist ein wichtiger Niedrigkosten-Standort, an dem wir Low-Cost-Produkte mit R. Stahl-Qualität für den weltweiten Vertrieb produzieren. Zugleich ist es damit auch eine wichtige Vertriebsregion. Insgesamt sehen wir das Land als sehr wichtigen Markt mit großen Wachstumschancen für uns.“
Weitere Wachstumsmöglichkeiten sieht der Vorstand ferner in Süd-Ost-Asien, dem Mittleren Osten und Nordamerika. „Mit unserem breiten Leistungsspektrum und unserer Systemkompetenz sind wir für weiteres Wachstum weltweit hervorragend aufgestellt. Unsere Innovationsfähigkeit wird uns ferner darin unterstützen“, blickt Dr. P. Völker positiv in die Zukunft.
Inge Hübner
Weitere Informationen unter www.stahl.de.
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