14. März 2011

Produktdesign – Spielerei oder Mehrwert?

Beitrag aus openautomation 1-2/2011


Sinn und Zweck von Produktdesign ist in einer Welt, in der die Technik dominiert, nur schwer zu vermitteln. Dennoch hat das Thema in den letzten Jahren auch in der Industriegüterbranche an Bedeutung gewonnen. So wird die Unterscheidung allein über technische Features immer schwieriger. Über Design lässt sich Qualität vermitteln; über funktionales Produktdesign das Technikerherz erobern, wie Festo weiß.


„Als Technologieführer unserer Branche wollen wir unseren Kunden die hohe Leistungsfähigkeit unserer Produkte auch durch ein ausgezeichnetes Design vermitteln“, erklärt Dr. Eberhard Veit, Vorstandsvorsitzender und Vorstand Technology and Market Positioning der Festo AG. „Mit unserem Design vermitteln wir Kunden das Gefühl, dass unsere Produkte das halten, was sie versprechen. Unsere Produkte stehen für Innovation und hohe Qualität. Werden unsere Komponenten in größeren Produktionsanlagen eingesetzt, sollen sie auch als Gütesiegel für das Gesamte stehen“, verdeutlicht er weiter.

Festo hat vergleichsweise früh mit der Etablierung seiner Marke auch über das Produktdesign begonnen. „Schon im Gründungsjahr sind übergreifende Design­aspekte eingeführt worden“, verdeutlicht Dr. Nicolas Berger, Leiter Technology and Infrastructure Analysis bei der Festo AG & Co. KG.

„In den letzten Jahren haben wir aber noch weiter deutlich in das Produktdesign investiert und dessen Stellenwert im Unternehmen gesteigert“, sagt er weiter. So verfügen die Esslinger über eine eigene Abteilung, die dafür sorgt, dass alle Produkte nach den Richtlinien des Corporate Designs von Festo gestaltet sind. Seit 1996 sind diese Regeln im Corporate-Design-Kompendium zusammengefasst, das für alle Bereiche des Unternehmens verbindlich ist. Sukzessive wurde auch das gesamte Produktportfolio nach einheitlichen Kriterien gestaltet, sodass heute nahezu alle Produkte von Festo in durchgängigem Design auftreten.

Karoline von Häfen ist Leiterin Pro­duktdesign bei Festo in Esslingen

„Im Unterschied zur Konsumgüterbranche entwickeln wir im Investitionsgüterbereich unser Produktdesign nur sehr langsam weiter und folgen nicht jedem schnellen Designtrend“, erklärt Karoline von Häfen, Leiterin Produktdesign bei Festo. „20 Jahre Beständigkeit sind bei unseren Produkten keine Seltenheit.“ Festo setzt daher auf eher zeitloses ­Design, das gestalterisch den Bogen spannen kann zwischen gut eingeführten Produkten und zukünftigen Neuentwicklungen, sodass ein einheitliches Gesamtbild entsteht.


Funktionales Design in der Praxis
Als größte Herausforderung nennt K. von Häfen: „Wir verbinden aussagekräftiges Design und hohe Funktionalität, und das weitgehend kostenneutral für den Endkunden.“ So sei zwar ein Trend erkennbar, dass immer mehr Hersteller neben der reinen Funktionalität ihrer Produkte auch großen Wert auf deren Design legen, allerdings wolle dies kein Kunde extra bezahlen müssen. „In unserem Designkompendium sind die übergreifenden Corporate-Design-Richt­linien für Festo definiert, zum Beispiel Form und Positionierung des Logos oder die Farben, die verwendet werden dürfen. Im Produktdesign sind im Wesent­lichen vier Aspekte relevant: Farbe, Oberfläche, Form und Strukturierung des Produktprogramms in Klassen, sogenannte Produktfamilien“, informiert die Designexpertin.

Die Druckluftauf­bereitungseinheit MS9 wurde Anfang 2010 mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet

Das Logo und die Farbgebung in Kombination aus blau, schwarz, silber und grau sorgen zusammen mit einheit­lichen Formmerkmalen dafür, dass Produkte von Festo einfach wiedererkannt werden. Dies soll Orientierung für alle bieten, die mit Festo bereits gute Erfahrungen gemacht haben. „Dabei ist es für uns wichtig, Kunden durch unser besonderes Design einen unmittelbaren Nutzen zu bieten, nicht nur schicke Verzierung. Ein gutes Beispiel ist unser funktionaler Farbcode“, so K. von Häfen. Kern der Codierung ist die Unternehmensfarbe blau, die als wichtigste Farbe nur für das Logo oder als Kommunikationspunkt zum Anwender hin eingesetzt wird. Das bedeutet, dass an jeder blauen Stelle eines Produkts etwas von Hand betätigt, bedient, eingestellt oder bewegt werden kann. Das lässt sich gut am Beispiel der Druckluftaufbereitungseinheit MS9 darlegen, die Anfang 2010 mit dem Designpreis der Bundesrepu­blik Deutschland ausgezeichnet wurde. Bei ihr sind die Verriegelungsschalter der Filterschalen in blau ausgeführt: Sie müssen zuerst gelöst werden, bevor die Schalen einzeln abgenommen werden können. Auch der Schieber des Handeinschaltventils ist blau, denn er arretiert das Ventil in seiner Stellung und sichert es so gegen ungewolltes Betätigen.
Neben der Farbe blau wird schwarz zur weiteren Strukturierung der Produkte eingesetzt, zum Beispiel bei den Modulverbindern der MS9. Silber oder grau bilden bei den meisten Produkte von Festo den Grundfarbton.

Den Hintergrund des Farbcodes erklärt K. von Häfen wie folgt: „Unsere Produkte müssen flexibel in unterschiedlichsten Branchen einsetzbar und an verschiedene Produktionsszenarien anpassbar sein und dabei oft ganz verschiedene Funk­tionen erfüllen. Dem Anwender sollen sich diese unterschiedlichen Einsatzzwecke und die jeweilige Bedienung quasi von selbst erschließen.“


Design von Oberflächen
Ein weiteres wichtiges Thema beim Produktdesign ist die Oberfläche. „Hauptaugenmerk wird bei uns hierbei auf eine hohe Oberflächengüte gelegt“, verdeutlicht die Fachfrau für Design. „Diese muss eine gute technische (Medien-) Beständigkeit aufweisen, um so optisch die entsprechende Qualität der Produkte zu vermitteln“, sagt sie weiter. Gerade im Pneumatikbereich werden viele Teile aus Aluminium gefertigt. „In der Regel wird kein reines Aluminium verwendet, sondern Aluminiumlegierungen mit Kupfer, Magnesium und weiteren Bestandteilen“, weist Dr. N. Berger als Spezialist auf diesem Gebiet darauf hin. Diese Legierungen sind wirtschaftlich und lassen sich gut verarbeiten, brauchen aber einen entsprechenden Schutz gegen äußere Einflüsse. „Wegen ihrer hohen Korrosionsanfälligkeit führen wir an diesen Legierungen standardmäßig Korrosionsprüfungen, wie Salznebel- und Feuchtetests, durch. Gleiches gilt natürlich auch für Stahloberflächen.” Festo hat einen eigenen Korrosionsstandard im Haus festgelegt. Gemäß diesem müssen die Standardprodukte jeweils eine bestimmte Korrosionsklasse erreichen. Erst, wenn diese erfüllt wird, werden sie in den Produktkatalog für Standardware aufgenommen.
Darüber hinaus werden branchenspezifische Oberflächen entwickelt, zum Beispiel für die Lebensmittelindustrie, die besonders glatte, gut zu reinigende Oberflächen vorschreibt. Ein Beispiel ist eine speziell für diesen Bereich aus Polypropylen kreierte Haube für Ventil­inseln CDVI, mittels der die geforderten Easy-to-clean-Eigenschaften erfüllt werden. „Hier findet gerade ein Produktwechsel statt. Im nächsten Schritt ist geplant, die beiden Bauteile – also Haube und Ventilinsel – zu verheiraten“, verrät Dr. N. Berger. Die Herausforderung besteht dabei darin, dass dann kein Polypropylen mehr verwendet werden kann, weil es nicht für Drücke bis 12 bar ausgelegt ist. „Für uns gilt es also, einen neuen Werkstoff zu ­finden, der die geforderten Druckeigenschaften bei gleichzeitiger Medien­beständigkeit aufweist“, erklärt der Spezialist weiter. Auch hier soll ein Kunststoff zum Einsatz kommen. „Momentan testen wir einen neuen Werkstoff inhouse. Das neue Produkt ist dann für 2013 geplant“, informiert er weiter. Auch dieser Prozess muss in Abstimmung mit dem Produktdesign stattfinden und die Richtlinien letztendlich widerspiegeln.


Formmerkmal und Produktfamilien

Beispiel für Familienkennzeichen: die elliptische Kappe bei der Handlingsachse EGC

Zentrales Gestaltungsfeld im Produktdesign ist die Anwendung von formgestaltenden Möglichkeiten. Diese werden bei Festo unter zwei Gesichtspunkten gezielt eingesetzt: einheitliche, übergreifende Formmerkmale, die ein Produkt sozusagen als Produkt von Festo kennzeichnen, und individuelle formale Ausprägungen, die die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Produktfamilie zeigen. Eines der Hauptmerkmale innerhalb der Produktwelt von Festo ist eine überwölbte Fläche, die aufgrund ihrer Ausprägung intern auch als „Buchrücken“ bezeichnet wird. „Dieses Designmerkmal transportiert die Marke Festo und dient damit als Wiedererkennungsmerkmal, mit dem unmittelbar hohe Qualität verbunden wird“, so K. von Häfen. „Einen ähnlichen Zweck verfolgen wir bei den individuelleren produktbezogenen Formkennzeichen, die es Kunden ermöglichen, über das Design sofort zu erkennen, zu welchen Produktgruppen die Komponenten gehören.“ Als Beispiel für solch ein Familienkennzeichen nennt sie die elliptische Kappe bei der Handlingsachse EGC. Diese findet sich in verbreiterter Ausführung bei der Schwerlastausführung des EGC wieder und schafft so eine eigenständige Kategorie. K. von Häfen weist aber auch darauf hin, dass es ein langer Prozess ist, bis das Unternehmen über ein derart strukturiertes Portfolio verfügt; bei rund 30.000 Katalogprodukten allerdings eine wichtige Orientierungshilfe für Kunden.

Damit ein Designentwurf im Produkt auch umgesetzt werden kann, ist eine enge Zusammenarbeit und gute Abstimmung mit den Entwicklungsbereichen notwendig. Aus diesem Grund wird der Designaspekt bei Festo schon zu einem frühen Zeitpunkt bei Neuentwicklungen mitberücksichtig. „Wir verfügen über ein sehr breites Produktportfolio. Jährlich werden rund 100 Produktentwicklungsprojekte erfolgreich abgeschlossen“, informiert Dr. Wulf-Dieter Spilgies aus dem Bereich Innovation Process Design. „Um hierbei den übergreifenden Anspruch von Festo an das Design optimal umzusetzen, muss die Produktentwicklung einem strukturierten Prozess folgen“, sagt er weiter. Vor diesem Hintergrund hat das Unternehmen einen festen Ablaufplan eingerichtet, den sogenannten internatio­nalen Neuheitenentstehungsprozess (NEP). Dieser kommt für alle Katalogprodukte zum Einsatz und gliedert sich in sechs Phasen: Phase 0 umfasst die Projektdefinition, in der das Lastenheft erstellt und der Projektantrag gestellt wird. In Phase 1 kommt es zur Projektklärung & Planung, aus der das Pflichtenheft und die Projektgenehmigung hervorgehen. Daran schließt sich Phase 2, die Produkt­realisierung, an. Ist dann die technische Freigabe erfolgt, startet in Phase 3 die Pilotserie und daran anschließend die Nullserie in Phase 4. Wurde diese freigegeben, beginnt in Phase 5 der Serienanlauf, innerhalb dessen ein Abschlussbericht geschrieben und an dessen Ende ein Erfolgscontrolling durchgeführt wird. „Die formale Absicherung des Designs ist durch die Designfreigabe gewährleistet, die in Phase 1 erteilt wird“, sagt Dr. W.-D. Spilgies und weist ferner darauf hin: „Erste Berücksichtigung findet das Design jedoch schon wesentlich früher, nämlich in Phase 0 oder sogar noch davor im Strategieprozess.“ Im Strategieprozess sammeln die Experten aus allen Bereichen ihre Ideen und Vorschläge und erstellen die notwendigen Steckbriefe und Roadmaps für ein neu zu entwickelndes Produkt. „Das Produktdesign wird bei Festo über den gesamten Entstehungsprozess hinweg von der ersten Idee an immer wieder diskutiert und verfeinert. Es ist quasi ein ebenso fester Bestandteil wie die Umsetzung der Funktionalitäten“, fasst Dr. W.-D. Spilgies zusammen.



Der internationale Neuheiten­ent­stehungsprozess bei Festo

Ausblick
Dass Festo mit seiner Produkt­designstrategie und deren Umsetzung erfolgreich ist, verdeutlichen die 70 verschiedenen Designpreise, die das Unternehmen allein in den letzten fünf Jahren gewonnen hat. Dabei setzen sich die Esslinger auch bei den großen Preisverleihungen, zum Beispiel dem Red Dot Award und dem IF Design Award, durch: Im letzten Jahr wurden vier Produkte mit dem Red Dot Product Design Award und fünf mit dem IF Product Design Award ausgezeichnet. Damit wird dem Unternehmen auch von unabhängiger Seite internationale Anerkennung für sein Designwirken zuteil. Und auch die Kunden scheinen zufrieden. „Wir erhalten viele positive Rückmeldungen zum einfachen Umgang mit unseren Produkten; und besonders der übergreifende funktionale Farbcode ist leicht zu behalten. Außerdem wird mit unseren Produkten häufig das verbunden, was wir transportieren möchten: Qualität und Innovation. Damit erreichen wir unser Ziel, Produkte von Festo als hochwertige Markenprodukte zu positionieren“, resümiert K. von Häfen.


Inge Hübner


Weitere Informationen unter www.festo.com.


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