20. Mai 2010

Endress+Hauser: 2009 - eines der schwierigsten Jahre in der Unternehmensgeschichte

Endress+Hauser hat 2009 die Auswirkungen der Wirtschaftskrise stark zu spüren bekommen. Erstmals in der Geschichte des Unternehmens ging der Umsatz zurück. Dennoch war die Schweizer Firmengruppe auch im vergangenen Jahr profitabel; die Finanzkraft des Familienunternehmens mit Sitz in Reinach/Schweiz nahm weiter zu. Die Zahl der Beschäftigten blieb der Krise zum Trotz fast unverändert. Nach einem guten Start ins Jahr 2010 erwartet Endress+Hauser eine nachhaltige Erholung und deutliches Wachstum.

Klaus Endress ist CEO der Endress+Hauser-Firmengruppe

CEO Klaus Endress sprach im Zusammenhang mit 2009 von einem der „schwierigsten Jahre in der Geschichte des Unternehmens“. Der Spezialist für Messtechnik und Automatisierungslösungen konnte die Folgen der Wirtschaftskrise weder über seine internationale Ausrichtung noch über die breite Abstützung in unterschiedlichen Branchen ausgleichen. „Einen so tiefen, umfassenden und lang anhaltenden Einbruch haben wir nie zuvor erlebt“, betonte er.

Der Nettoumsatz der Firmengruppe sank 2009 auf 1,096 Mrd. Euro (–9,5 %). Die Zahl der Beschäftigten blieb nahezu unverändert. Das Unternehmen zählte Ende 2009 weltweit 8.419 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – nur 15 weniger als ein Jahr zuvor (–0,2 %). „Es war unser Ziel, niemanden zu verlieren“, unterstrich K. Endress. „Möglichst alle sollten an Bord sein, wenn die Wirtschaft wieder Fahrt aufnimmt.“ In den vergangenen fünf Jahren hat Endress+Hauser 2.125 Arbeitsplätze geschaffen, davon 1.418 in Europa. Alleine in der deutsch-französisch-schweizerischen Region um Basel kamen in dieser Zeit 775 neue Jobs hinzu.

Schmerzhafte Einbrüche verzeichnete Endress+Hauser in der chemischen Industrie, einer der für das Unternehmen bedeutenden Branchen. Der Umsatzverlust traf vorweg klassische Industrieländer, wie die USA, Deutschland und Japan, so COO (Chief Operating Officer) Michael Ziesemer, zweiter Mann an der Unternehmensspitze. In Russland brach das Geschäft ein, erholte sich aber früh – so wie in China, wo die Verkäufe das Niveau von 2008 erreichten. Indien, Korea, der Nahe Osten, Südostasien sowie Lateinamerika entwickelten sich positiv. Alles in allem schlug sich Endress+Hauser besser als die Branche der Prozessautomatisierung, die um 16 % schrumpfte. „Wir haben Marktanteile gewonnen“, sagte M. Ziesemer.


Verzicht auf Gewinn sichert die Arbeitsplätze
Um Arbeitsplätze zu erhalten, nahmen Unternehmensleitung und Familienaktionäre bewusst einen niedrigeren Gewinn in Kauf. Das Betriebsergebnis gab 2009 auf 83,9 Mio. Euro nach (–46,4 %). Schwankende Wechselkurse hatten – anders als im Vorjahr – praktisch keinen Einfluss, sodass das Ergebnis vor Steuern mit 83,2 Mio. Euro (–40,7 %) nur wenig niedriger ausfiel. Nicht abzugsfähige Ausgaben trieben jedoch die effektive Steuerquote in die Höhe. Das Ergebnis nach Steuern sank auf 59 Mio. Euro (–43,6 %).


Kostenbewusstsein stärkt die Bilanz
„Wir haben 2009 sämtliche Ausgaben hinterfragt und mit vielen Gewohnheiten gebrochen“, berichtete der Firmenchef. Auf Reisen und Meetings wurde verzichtet, vielerorts von einer Anpassung der Löhne und Gehälter abgesehen. Auch die Dividende der Gesellschafter fiel niedriger aus. Der betriebliche Aufwand sank gegenüber dem Vorjahr um insgesamt 40,6 Mio Euro auf 1,030 Mrd. Euro (–3,8 %). Der Anstieg des Personalaufwands (457,9 Mio. Euro) konnte auf +1,4 % beschränkt werden. Lediglich die Abschreibungen stiegen auch aufgrund hoher Investitionen deutlich um +20,5 % auf 58,7 Mio. Euro.

„Unsere Bilanz ist kerngesund, gesünder noch als im Rekordjahr 2008“, betonte K. Endress. Die Vorräte sanken auf 113,9 Mio. Euro (–13,5 %), die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen auf 208,9 Mio. Euro (–11,3 %). Zugleich machten die Flüssigen Mittel einen Sprung auf 244,3 Mio. Euro (+34,0 %). Bei einer Bilanzsumme von 1,048 Mrd. Euro (+1,0 %) steigerte das Familienunternehmen die Eigenkapitalquote um 3,6 Punkte auf 64,9 %. Die Bankdarlehen verringerten sich um 10,3 Mio. Euro auf 67,1 Mio. Euro. „Das sichert unsere Unabhängigkeit und gibt uns Freiheit bei Investitionsentscheidungen“, hob CFO Fernando Fuenzalida hervor.


Weltweites Vertriebs- und Produktionsnetz gestärkt
Endress+Hauser stärkte auch im Krisenjahr die weltweiten Netzwerke von Vertrieb und Pro-duktion. Eine eigene Niederlassung in Katar soll die Geschäfte im Nahen Osten weiter beflü-geln, ein Sales Center in Litauen die Betreuung der baltischen Staaten verbessern. Die Investi-tionen lagen mit 67,2 Mio. Euro (–37,1 %) deutlich unter dem Vergleichswert, doch wurden keine bedeutenden Vorhaben gestoppt oder verschoben. „Wir haben in den ver-gangenen fünf Jahren mehr als 400 Mio. Euro investiert“, verdeutlichte F. Fuenzalida.

2009 nahm Endress+Hauser in Indien Betriebsstätten für Durchfluss-, Füllstand- und Druck-messtechnik in Betrieb. Das Werk für Füllstand- und Druckmesstechnik im süddeutschen Maulburg schloss die Erweiterung und Modernisierung ab. Endress+Hauser Conducta in Gerlingen bei Stuttgart, spezialisiert auf Analysenmesstechnik, erreichte eine wichtige Etappe beim Ausbau des Standorts. In Breslau bezog das polnische Sales Center einen Neubau. Ein neues Warenverteilzentrum in Shanghai verbessert die Logistik in China.

Endress+Hauser steigerte die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf 94,1 Mio. Euro (+ 6 %). Dies entspricht 8,6 % des Nettoumsatzes. 200 Patentanmeldungen – gleich viele wie 2008 – zeugen von ungebrochener Innovationskraft. Mit einer Minderheitsbeteiligung an der US-Hightech-Firma Integrated Sensing Systems Inc. (ISSYS) sicherte sich die Firmengruppe Know-how auf dem Gebiet der Coriolis-Durchflussmessung mit Mikrosensoren. Durch den Erwerb der Mehrheit an der britischen MHT Technology Ltd. stärkte Endress+Hauser seine Kompetenz auf dem Gebiet der Tankstandmessung und Tanklagerautomatisierung.


Blick für Markt und Kunden in der Krise geschärft
„Wir sind gut durch diese schwierige Zeit gekommen“, betonte K. Endress. Die Krise habe den Blick für die Bedürfnisse von Markt und Kunden geschärft. „Sie hat uns gezwungen, mit dem Unwahrscheinlichen zu rechnen und das Unmögliche zu denken – es zu überdenken und entweder zu verwerfen oder rasch umzusetzen.“ Wichtige Produkte seien wesentlich schneller zur Marktreife gebracht worden als sonst üblich.

Lediglich zwei Unternehmen der Firmengruppe – Temperaturmesstechnik-Spezialist Endress+ Hauser Wetzer in Nesselwang im Allgäu und Sensorhersteller Innovative Sensor Technology IST im sanktgallischen Wattwil – mussten Kurzarbeit anmelden. Betroffen war jeweils ein Teil der Beschäftigten in der Produktion, insgesamt rund 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Ich bin froh, dass wir fast ohne Kurzarbeit durch die Krise gekommen sind“, sagte K. Endress. „Kurzarbeit verschleiert das Ausmaß der Krise und verhindert die nötige Anpassung.“

M. Ziesemer zeigte sich überzeugt, dass vieles, was die Krise verändert hat, von Dauer sein wird. Dies spiegelt sich auch in der neuen Strategie der Firmengruppe wider. „Wir haben uns auf Jahre mit niedrigerem Wachstum eingestellt“, erläuterte der COO. Das Unternehmen rechnet damit, dass die Wachstumsmärkte beschleunigt an Bedeutung gewinnen. Neben Asien, Lateinamerika und dem Nahen Osten werde dabei verstärkt Afrika an Gewicht gewinnen. Wichtige Treiber der Entwicklung erkennt Endress+Hauser in den Themenfeldern Klimaschutz, Ressourcennutzung, Energieeffizienz, Biotechnologie und demografischem Wandel.


Guter Start ins neue Jahr
Endress+Hauser ist gut ins neue Jahr gestartet. Nach vier Monaten liegt der Auftragseingang zweistellig über den Vorjahreszahlen, das Umsatzwachstum deutlich über dem vorsichtigen Ziel von 5 % bis 6 %. M. Ziesemer zufolge hat sich das Geschäft in den USA deutlich erholt, ebenso in Deutschland. Russland hole rasch auf, und China wachse wieder dynamisch. In Zentraleuropa verharrten einzig die skandinavischen Länder noch in der Rezession. Sollte diese Entwicklung andauern, hält F. Fuenzalida bis zu 10 % Wachstum für erreichbar. „Aber selbst dann hätten wir das Umsatzniveau von 2008 noch nicht wieder erreicht“, betonte der Finanzchef. Weil viele Maßnahmen zur Kostensenkung einmalig waren und der Personalstand wieder leicht steigen soll, rechnet die Firmengruppe trotz des Wachstums nur mit einem Gewinn in der gleichen Größenordnung wie 2009.

K. Endress mahnte zur Vorsicht: „Die Ursachen der Wirtschaftskrise sind im Grundsatz nicht beseitigt.“ Die weitere Entwicklung sei von vielen Unsicherheiten bestimmt. „2009 war schwierig – aber auch 2010 wird nicht leicht werden“, ist der Firmenchef überzeugt. „Wir er-warten, dass uns die Krise noch eine Weile begleiten wird.“

Weitere Informationen unter www.endress.com.


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